Geisterstunde

Manche Menschen berühren uns sofort und wir sind wie in einem Bann. Wir wollen Zeit miteinander verbringen, das Gegenüber kennenlernen und völlig irrational nie wieder ohne diesen Menschen leben müssen. Zumindest für den Moment. Diese Menschen rühren unser Innerstes auf und hinterlassen Spuren. Spuren der Liebe und der Hoffnung, Spuren von Schmerz und Leid. Spuren von Leben.

Und es gibt Geister.

Geister leben wie Menschen unter uns, doch sie können uns nicht berühren. Nicht absolut gesehen natürlich, sie können schon jemanden berühren, nur eben nicht uns. Sie huschen an uns vorbei, schleichen heimlich durch unser Leben und verschwinden wieder. Ohne jemals eine Spur zu hinterlassen.
Geister sind überall und jeder hat sie. Auch wenn wir sie nicht sehen oder wahrnehmen.
Eine bewusste Begegnung mit ihnen geschieht nur sehr selten und kann äußerst rar dokumentiert werden; werden Geister doch aufgrund ihrer Natur nur in den seltensten Fällen überhaupt wahrgenommen. Die moderne Dating Kultur ermöglicht nun aber auch Geistern in unser Leben zu treten.

Mein Geist war sehr vorsichtig.

Als Frau wird man oftmals angehalten, doch möglichst Acht zu geben, dass man nicht an Irre oder Verbrecher gelangt und sich damit in Gefahr bringt. Der Geist machte mich zu seiner Gefahr. Er hielt mich so sehr auf Abstand, dass es einerseits einfach eine interessante Herausforderung wurde, ihn mal zu treffen , andererseits grenzt es an ein Wunder, dass es überhaupt jemals zu einem Treffen kam.
Auslöser war nach dem ersten etwas dünnen Kontakt ein Gespräch über Musik. Wir hatten endlich ein entspanntes Thema gefunden, dass über Smalltalk hinausgeht und anscheinend selbst ihn mal auftauen ließ. Wie ich später herausfinden sollte, spielte er Bass.
Wir verabredeten uns für ein Bier im Pub und endeten dann doch auf einem Weg-Bier-Spaziergang durch die Stadt. Er arbeitete in einer Firma, die Prothesen und Orthopädische Hilfsmittel auf Maß anfertigt und mit dem Krankenhaus zusammenarbeitet, in dem meine Mutter seit 30 Jahren tätig war. Ich stellte dies heraus und als hätte ich ihm die Jacke weggenommen, verkniff er sich und fand es doch etwas früh, über die Eltern zu sprechen. Ich wollte ihn ja auch nicht gleich zu Hause vorstellen.
Ich fand seine Reaktion etwas seltsam, und ließ daher ihn einfach mal reden. Er erzählte recht emotionslos von einer Asienreise, die er kürzlich unternommen hatte. Irgendwie kamen wir dann auf das Thema Depressionen und hierarchische Strukturen im Handwerk. Wir unterhielten uns angeregt und bemerkten eine ähnliche Einstellung, wenn es zur gesellschaftlichen Wahrnehmung des Handwerks kam. Ich fragte ihn eh sehr aus über seinen Beruf, ich fand es einfach spannend und vor allem anders.
Da er zu frieren begann, ja: er, kehrten wir dann doch ein und tranken abermals Bier. Ich hatte mir angewöhnt, mich für Dates zwar optisch zurecht zu machen, aber möglichst noch authentisch am Alltags-Ich zu bleiben.
Er nicht.
Hoffentlich.
Denn, er trug: eine Bluse.
Eine dieser sackartigen, samt-seidenen schwarzen Blusen, die man in erster Linie mit Künstlern wie Meat Loaf in Verbindung bringt. Die Bluse des Geistes war zwar sicherlich einige Größen kleiner, er war sehr schmal, doch schien sie nicht weniger exzentrisch an diesem sonst so bemüht-dezenten Mann. Zumindest hatte ich eher ein Bandshirt erwartet. Eher Grunge als Glam-Rock. Er hatte sich mit diverse Halskette geschmückt, wie man sie von EMP kennt und trug damit mehr Schmuck, als ich überhaupt besitze. Wir diskutierten und er bremste mich immer wieder aus, warf mir zu radikale Ansichten vor (was mich motivierte, noch provokanter zu argumentieren). Wir redeten über die selben Themen, aber rückblickend in unterschiedliche Richtungen und als würden wir einander gar nicht hören.
Als wären wir in unterschiedlichen schalldichten Räumen gewesen und hätten die jeweiligen Antworten immer nur geraten, statt sie zu verstehen.
Der Abend endete früh. Wir blieben auf der höflich-distanzierten Ebene, die er bemüht aufrechterhielt und ich bedankte mich brav für die gemeinsame Zeit.
Der Geist hatte sich selbst so sehr zurückgehalten, dass kein Profil entstand. Trotz interessanter Gesprächsthemen, trotz mehrerer Stunden Zeit, trotz Alkohol. Ein bisschen, wie eine schlechte Doku zu schauen: das Thema ist vermutlich interessant, aber die Informationen und Aufnahmen sind zu oberflächlich, zu angepasst, um emotional zu involvieren. Schon während der Verabschiedung vergass ich erste Dinge über ihn. Ein weiteres Treffen schien so abwegig, gerade zu unlogisch, dass ich gar nicht darüber nachdachte, dass er dies ja nun auch anders sehen könnte.
Er schickte mir eine mit dem Handy aufgenommene Audiodatei, die nur schwerlich als das Bass-Intro eines meiner erwähnten Lieblingslieder zu erkennen war. Er verhunzte es so sehr, es war geradezu beleidigend.
Er wollte sich also noch einmal mit mir treffen. Da ich möglichst fair mit meinen Mitmenschen umgehen möchte, schrieb ich ihm, dass ich leider nicht sehe, dass wir da selbe wollen und ich leider so gar kein Kribbeln hätte und nun ja, ich wollte ihn nicht wiedersehen.

Ich konnte mich kaum noch an ihn erinnern, er war einfach spurlos durch mich hindurchgehuscht.

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