Waidmannsheil [Interjektion]

Der Jäger begann perfekt. Ich nutze dieses Wort nicht leichtfertig. Es war wirklich perfekt. Für mich, für die Menschen, mit denen ich diese Geschichte bisher geteilt habe. Für den Jäger vermutlich auch. Nur anders vielleicht. Aber dazu später einmal mehr.

Wenn man bei Tinder die erste Chat-Hürde überwunden hat (wer schreibt wen an und was zum Henker schreibt man da eigentlich?), hat man im Prinzip schon gewonnen. Und wenn dann auch noch eine Partei ein Treffen vorschlägt, bevor der Chat seltsam wird, sollten in den heutigen Zeiten eigentlich schon die Hochzeitsglocken läuten. Virtuell natürlich. Vorausgesetzt Person B sagt ja zum Treffen.

Ich war 25 Minuten vor der verabredeten Zeit im Café; ich bin gern früh da, um die Lage zu checken und um einen kurzweiligen Heimvorteil zu haben. Kein seltsames Jacke-ausziehen oder Nase-schniefen von der Kälte draußen. Relaxt Herr der Lage sein und tief durchatmen, bevor die Show beginnt.

Denn seien wir mal ehrlich, es ist alles eine Show. Die Profil-Bilder, die semi-intellektuellen Sprüche im Profil. Die prätentiös tiefsinnig Musikauswahl für die eigene Hymne.

Berechnende Fiktion auf drei Ebenen.

Und dann betrat der Jäger das Café und war einfach toll. Er war ebenfalls zu früh (15 Minuten), sein erster +-Punkt. Groß, bärtig, männlich, tolle Augen. Ich suchte seinen Blick um ihm zu signalisieren, dass ich ich bin; und er sah mich und drehte sich nicht zur Flucht um. Ein solider Start also.

Als der Jäger sich setzte wurde ich aufgeregt. Nicht so, als hätte ich eine Deadline vergessen und müsste nun in 15 Minuten 20 Seiten Abhandlung abgeben. Eher diese seichte schöne Aufregung, die man früher an Heilig Abend hatte. Vor der Bescherung. Der Jäger ließ mich Weihnachten fühlen, ohne, dass wir bisher großartig Worte gewechselt hatte. Er hatte eine kompromißlos entspannte Körpersprache, Selbstbewusstsein, und Humor. Das komplette Paket. Und das Beste: eine tiefe Erzählerstimme mit einem leicht nordischen Einschlag.

Wir stiegen seicht in die Unterhaltung ein; Smalltalk, den wir im Chat vermieden hatten. Er erzählt mehr als ich erwartet hatte und befürchtete schon, dass sich dieses Treffen wie das vorherige mit dem Zauberer anfühlen würde. Doch er erzählte vom Hof seiner Eltern, von seiner Ausbildung zum Landwirt, von seiner Zeit als Soldat, vom Jagen. Und riss die Ereignisse nur an, ich hatte so viele Fragen in meinem Kopf und fand alles spannend, was er berichtete.

Seltsame Gesprächspausen gab es keine und er bestellt sich ein belegtes Brötchen mit ‚was halt weg muss‘. Seine bodenständige, unkomplizierte Art faszinierte mich. So machten wir uns doch immer alle zu viele Gedanken darüber, was andere von uns denken könnten, was für Schlüsse aus den einfachsten Alltagsentscheidungen gezogen würden. Sein Verhalten wirkte einfach authentisch, er spielte keine Rolle.

Nur war es nicht nur, was er sagt, sondern wie. Seine brummige, tiefe, männliche Stimme berührte mich. Sie tat etwas mit mir, und so etwas ist selten. Stimmen verbinden.

Und wenn man merkt, dass man eine Verbindung mit einer Person hat, dann entkrampft das unheimlich. Ich habe diesen Mann nach etwa 10 Minuten in mein Herz geschlossen. Nicht auf die triefige psycho-amoröse Art und Weise. Manche Menschen sind einfach Herzmenschen. Die berühren einen direkt. Ohne, dass man sie großartig kennt. Bauchgefühle reichen manchmal. Und wir sprechen hier nicht von Liebe.

Nach dem Café gingen wir noch spazieren, ein wenig die Stadt erkunden (er war gerade erst hergezogen und kannte sich noch nicht so aus). Und wieder: Entspannung. Blödsinn reden. Schaufenster schauen. Menschen gucken. Dinge entdecken, die man eigentlich kennt. Wir passierten illegal Baustellen um von Kanten zu schauen, gingen geheime Privatwege, die ich noch nie auch nur beachtet hatte.

Als wir die Altstadt erreichten blieben wir Ewigkeiten vor einem dieser seltsamen Indianerläden stehen, die neben Messern und Mokassins auch allerlei anderen Ramsch verkauften. Eine Gruppe Hobbyfotografen passierte uns, und der Jäger schnappte mich und drehte mich in Pose, eine einzige flüssige Bewegung mit erstaunlich wenig Widerstand meinerseits. Wir lachten und posten und schlenderten weiter, vorbei an den irrwitzigsten Geschäften. Nichts war zu trivial, um kommentiert zu werden. Und so verbrachten wir knappe 3 Stunden damit, über Nichts zu reden und zu lachen.

Ich navigierte uns langsam wieder zu seinem Auto, als wir es scheppern und krachen hörten. Ein Skateboarder hatte ein paar Meter entfernt sein Board zerlegt und fluchte nun wild, völlig in Rage und Ärger trat er weiter auf des angeknackste Brett ein, bis es komplett in Zwei geteilt war. Der Jäger und ich hatten uns als Zuschauer auf einer Bank niedergelassen und beobachteten gespannt, was noch passieren würde. Doch der Skateboarder zog nach völliger Demolierung seines Boards frustriert ab und wir entschieden, als letzte Station des Abends in den 14. Stock des Universitätsgebäudes zu gehen und uns die Stadt bei Nacht (es war mittlerweile etwa 19.30Uhr und entsprechend dunkel) anzuschauen. Oben angekommen stierten wir aus den Fenstern, ich erklärte, welche Gebäude und Plätze wir auf dem Weg hierher passiert hatten. Ich fühlte mich leicht. Es war genau die richtige Mischung an Kontrolle meinerseits und Irrwitz seinerseits.

Und sein subtiles Selbstverständnis, das ich nicht an der Straßenseite ging, er natürlich meinen Kaffee mit gezahlt hatte, ich den Vortritt hatte, er die Türen aufhielt und mich schlussendlich sogar noch die 700m nach Hause fuhr. Nicht auf eine suppressive Art, eher eine Art Wertschätzung meiner Person.

Er hielt vor meinem Graffiti besprühten Wohnblock und wir redeten noch kurz weiter bis der Moment kam, der die Zeit stehen lässt; kurz bevor man sich das erste Mal küsst. Unsere Blicke verfingen sich ineinander. Auch wenn man eigentlich weiß, dass es schön und vielleicht sogar richtig wäre: manchmal ist man dennoch feige. Ich löste meinen Blick von seinem und fragte ihn, ob wir uns wiedersehen würden. Er brauchte einen kurzen Moment und sagte dann: ‚Also weißt du, du hast mir jetzt schon auch die Möglichkeit geklaut, dich das zu fragen.‘ Er grinste und ich lachte.

Ich bedankte mich für den fantastischen Abend und wir merkten erst in diesem Moment, wie lange wir Zeit zusammen verbracht hatten.

Was auch immer in der Zukunft zwischen uns geschehen würde, unser Start versprach ein interessantes Abenteuer.

(to be continued)

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