Es

Als ich Es das erste Mal erblickte wirkte es so deplatziert, dass es für eine Sekunde kaum im Raum bemerkbar war. Alles schien einfach irgendwo zu stehen, nichts  an etwas anderem ausgerichtet zu sein. Orientierungslose Möbel, ein Sammelsurium im Chaos.

Da waren tiefdunkle Anrichten, ein Bauernschrank in Buche, ein eichner Esstisch und ein abgewetzter folierter Pressholztisch vor dem grausigen Etwas.
Worte vermögen Farben nur bedingt zu beschreiben; es war ein lachs-creme-aprikosenfarbendes-rötlich-schimmerndes Dreisitzer-Gebilde. Auf der unglaublich seltsam gewinkelten Armlehne lag eine knall-orangene Mikrofaserdecke, eine von denen, denen man die statische Entladung bereits ansah. Die Farben schienen sich Gleichzeitig zu ähneln und zu beißen.
Es war ein unfassbar häßlicher Anblick.
Gott sei Dank war ich so verschossen in den Menschen, dessen Wohnung ich hier zum ersten Mal sah; ich hatte meine rosarote Brille noch sehr fest auf. Das schien den Farbton jedoch auch nicht erträglicher zu machen. Das Monstrum war einfach nicht zu übersehen.
Zögernd ließ ich mich auf der Couch nieder und fasst mit beiden Händen auf den Bezug, strich langsam darüber. Die Farben wechselten, so als wäre das Sofa mit Wildleder bezogen und dann aber sehr weichgespült worden. Der Stoff war sehr kalt, hatte doch seine glühende Färbung Wärmeres versprochen.
Ich war so verliebt, dass ich es einige Monate mit der Couch aushielt, ohne sie direkt zu thematisieren.
Doch dann kamen die Planungsgespräche für eine gemeinsame Wohnung.
Das kalte Grauen befiel mich:
Was, wenn er die Couch mitnehmen wollte?
Was, wenn sie sein absolutes Lieblingsmöbelstück war, von dem er sich auf gar keinen Fall trennen wollte?
Mir brach der kalte Schweiß aus, ich musste es ansprechen, mir selbst die Angst nehmen, würde es auch noch so unangenehm werden. Paare hatten sich schon wegen weniger getrennt, aber wollte ich jedem zerknirscht berichten, dass wir uns wegen dieses unendlichst häßlichen Sitzmöbels getrennt hatten? Ein bisschen Selbstrespekt habe ich schließlich noch. Also gerade heraus, es würde schon nicht so schlimm werden.
Nachdem ich meine emotionale Lage gegenüber dem Sofabesitzer dargelegt hatte und vorsichtig nachhakte, ob es denn ok wäre, das Monstrum von seinem Schicksal zu erlösen und es zur Kippe zu fahren, erfuhr ich unerwartete Zustimmung. Doch ich hatte mich zu früh gefreut.

Was in den kommenden Wochen geschah, trübte die allgemeine Stimmungslage ungemein mehr, als ich erwartet hatte. Das Sofa musste nicht mit, in dem Punkt hatte ich bekommen, was ich wollte. Doch die Sache hatte einen Haken. Auf gar keinen Fall sollte dieses grandiose, unsäglich bequeme, tadellos funktionsfähige Biest auf der Müllkippe landen. Es sei ja noch gut und es würde sich sicher gut verkaufen lassen.
Tage vergingen, bis sich der erste Interessent meldete.
Es war ein polnischer Herr mittleren Alters, der Möbel aufkaufte und nach Polen schickte. Als er das Sofa sah, lehnte er dankend ab.
Ein Pärchen in Jogginganzügen und Ed-Hardy-Mützen fand, dass es dann doch nicht so bequem sei, wie erhofft.
Eine junge Studentin stellte sehr engagiert heraus, dass das Foto in der Anzeige ja ein ganz anderes Sofa zeigen würde und die Farbe sei auch ganz anders. Aus meiner Sicht hatte das Foto es geschafft, die Farbe noch abartiger zu machen, sodass sie an der Stelle eigentlich positiv hätte überrascht sein müssen.
Ein bierbäuchiger Hosenträgerträger gestand, er würde sich das Sofa nur anschauen, damit seine Frau ihn damit in Ruhe ließe, er hätte keine ehrlichen Absichten, dieses Ungetüm irgendwohin mitzunehmen.
Ich fand alle genannten Argumente mehr als legitim und es fiel mir schwer, das gute Stück zu bewerben. Am liebsten hätte ich es einfach verschenkt, aber auch das stellte ich mir schwierig vor. So einen leuchtend-dominanten Koloss musste man nicht erst ins Maul schauen, um seinen wahren Wert zu erkennen.

Der Auszug rückte näher und proportional stieg mein Panik-Level. Ich musste auf eine Entsorgung hinarbeiten. Ganz vorsichtig, ohne große Wellen, die Idee ein bisschen im Raum treiben lassen. Als Option. Vielleicht müsste man es doch entsorgen und natürlich wirklich nur, wenn es sein muss (musste es, absolut).
Immer wieder kamen mir Bilder von unserer schönen neuen gemeinsamen Wohnung vor Augen, mit dem aprikosen-flamingo-farbenden Ungeheuer neben dem Kamin. Es durfte nicht soweit kommen, es musste etwas geschehen! Eine Entscheidung musste her, eine Drucksituation, in der ein für alle Mal die endgültige Vernichtung dieses Zustands erreicht wurde!
Blind vor Panik rief ich wahllos Kontakte von meinem handy aus an und bat um Abnahme des Sofas.
Und endlich, endlich: Hoffnung!
Ein glibberig-orange-lachsiger Streifen am Horizont.
Ein Bekannter (auch Bekannter des Sofas) verstand meine missliche Lage und bot an, das Etwas bei einer sozialen Einrichtung unterzubringen. Ich war so erleichtert, ich musste mich erstmal setzen. Das war die perfekte Lösung (nicht für die armen Menschen, die sich in der Einrichtung aufhielten, aber wie ich später erfuhr, wurde das Biest mit Decken gezähmt und sah dann fast possierlich aus).

Traurig blickte der ehemalige Sofavater dem Transporter nach. Er wandte sich an mich und sagte: „Vielleicht finden wir ja ein Neues, dass wenigstens die selbe Farbe hat, richtig bequem war es ja nun wirklich nicht.“

Was dann geschah wurde nie wieder erwähnt (auch nicht während des Kaufs des neuen Sofas): Ungefiltert platze es aus mir heraus: Niemals käme mir ein so häßliches Ding in die Wohnung, er müsse ja blind gewesen sein, als er dies Sofa gekauft hatte, ob ich mir Sorgen machen müsse, da er ja auch mich letztendlich irgendwie ausgesucht hatte, ob ich in die selbe Kategorie fiele. Das ich NIEMALS, NIEMALS, NIEMALS ein solches Etwas zulassen würde.

Und dann…… Stille. Betretende Stille und eine seltsame Erleichterung. Ich hatte es geschafft, ich hatte mich vom glibberig-orange-lachs-creme-aprikosenfarbenden-rötlich-schimmernden-flamingo-farbenden Grauen befreit.
Und die Stille verging dann auch irgendwann. Spätestens, als die Farbe des neuen Sitzmöbels diskutiert werden musste.

Trotz meines durchdachten Plan war mir doch ein Fehler unterlaufen in all der Aufregung: irgendwie hatte es die statisch-orangene Decke geschafft ein paar Wochen später auf unserer neuen dunkelgrauen Couch aufzutauchen.

Fair enough, ich weiß, wann ich mich geschlagen geben muss.

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