Friends. No Benefits. Pt.1

Frauen und Männer.

Das ist so eine Sache für sich.

Also beide quasi.

Und für meine Geschichte ist es auch egal, warum wir unterschiedlich ticken, und ob das biologisch ist, oder hormonell oder sozial anerzogene Gender-Stereotype. Worauf ich hinaus will ist: platonische Freundschaft zwischen Männern und Frauen ist schwierig. Auch wenn man nicht mehr in der Pubertät ist. Und jeder hat sie, die Geschichten über den besten Freund oder die beste Freundin, die dann irgendwann mehr wollten und man nicht mehr befreundet sein konnte. Oder man war selbst verliebt. Es endet meist ähnlich, die Freundschaft ist vorbei. Und alle verlieren dabei. Denn meist will einer der Menschen keine Liebesbeziehung.
Mir ist der ganze Schlamassel post-pubertär bereits zweimal geschehen. Und trotzdem würde ich das Risiko immer wieder eingehen.
Das erste Mal war unsagbar traurig. Und wie ich später erfahren durfte, war ich ziemlich naiv gewesen. Ich lernte den Kanadier in der Einführungswoche in der Uni kennen. Wir verstanden uns gleich gut und hatten den gleichen fies-sarkastischen Humor und waren überheblich ohne Ende. Und gemeinsam macht das einfach am meisten Spaß. Wir belegten die gleichen Kurse und Seminare und saßen immer nebeneinander. Er wohnte allein etwas ausserhalb und ich brachte ihm manchmal Käsebrote mit. Trivial irgendwie, aber Essen verbindet. Und da ich zu der Zeit noch bei meinen Eltern wohnte, hatte ich immer einen vollen Kühlschrank zu Hause und machte morgens einfach ein Brot mehr. Oder er bekam einfach meins.
Wenn wir mal nicht über unsere Kommilitoninnen lästerten oder gehässige Kommentare über die Dozierenden abließen, redeten wir auch viel ernsthaft. Manchmal gerieten wir aneinander, hatten verschiedene Ansichten, aber deswegen sauer zu sein oder nicht mehr zu reden stand nie zur Debatte. Und wir waren flirty. Wir schwelgten in einer Wolke aus selbstbesessener Arroganz und bestätigten uns pausenlos, dass wir besser waren, als die anderen. Wir überhäuften uns mit Komplimenten und flirteten, wie man es nur tut, wenn man sich seiner Selbst absolut sicher ist. Ich hatte zu der Zeit einen festen Freund und die Grenzen waren klar.
Bis alles anders kam. Der Kanadier gestand mir, dass er Gefühle habe für mich, die über eine Freundschaft hinaus gingen. Ich war gerade in der Trennungsphase von meinem Freund. Nicht nur, dass der Zeitpunkt also denkbar ungünstig war, es verletzte mich zutiefst. Ich fühlte mich verraten. Unser unausgesprochner Pakt, sich nicht zu verlieben war gebrochen worden. Ich sagte ihm, dass ich ihn nicht als Freund verlieren wollte und das eine Beziehung vermutlich in der gegenseitigen seelischen Zerfleischen enden würde. Wir hatten beide unseren Packen an psychischen Probleme zu tragen und hätten uns wahrscheinlich sehr enttäuscht.
Wir hielten ein wenig Abstand aber fanden schnell wieder zueinander, in alter komplimentierender Form. Es hatte sich nichts geändert und wir sprachen nicht mehr davon. Ich dachte, es würde schon vorbeigehen und wir könnten es einfach aussitzen. Leicht gesagt für mich. Für den Kanadier stellt sich das Ganze anders da. Er malträtierte seine Freunde mit seinem Leid und ich bekam nichts mit davon. Und wenn, dann tat ich es ab, die Zeit würde das schon richten und ich war mir keiner Schuld bewusst.
Wie es so kommen sollte, trennten sich unsere Wege dennoch mit der Zeit, wir hatten weniger Kurse zusammen, ich hatte einen neuen Freund. Die beiden mochten sich nicht sonderlich, nicht nur meinetwegen. Aber machen wir uns nichts vor, ich habe definitiv meinen Teil beigesteuert. Nicht meine glorreichste Stunde.
Der Kanadier wechselte für den Master die Uni und war nun vollends aus meinem Alltag verschwunden. Höchstens ein paar Mal im Jahr schrieben wir ein paar Nachrichten, zu Geburtstagen, wie man das halt so macht. Das schnelle Abfragen von Befindlichkeiten und Lebenseckdaten im Schnelldurchlauf.
Vor Kurzem hat sich der Kanadier wieder bei mir gemeldet. Diesmal ohne offiziellen Anlass. Einfach so.
Und ich hab mich gefreut und wir telefonierten und es war nett und komisch und es war deutlich zu merken, dass wir erwachsener geworden sind und nicht mehr die arroganten Studierenden, die denken, die Welt läge ihnen zu Füßen. Als wir die Eckdaten des Anderen abgefragt hatten, stellte mir der Kanadier sehr ernst einige Fragen:
Warum ich damals nicht mit ihm zusammensein wollte.
Wieso ich dann einen anderen Freund gehabt hatte.
Weshalb ich trotz seiner (zugegebenermassen sehr schwierigen) Konflikte mit anderen Studierenden immer zu ihm gehalten hätte.
Wieso wir so auseinandergegangen waren.
Und ich konnte es ihm nicht beantworten. Nicht direkt.
Witzigerweise habe ich einige Mal darüber nachgedacht, was wohl gewesen wäre, wenn wir damals eine Beziehung gewagt hätten. Ob wir es jetzt noch zusammen wären, knapp 7 Jahre später. Wie sehr es wohl eskaliert wäre? Wie dramatisch wäre die Trennung geworden?
Meine Theorie ist, dass wir nicht sagen wollen, weshalb wir keine Beziehung mit jemandem haben wollen, weil es ein definiertes gesellschaftlich manifestiertes Missverständnis gibt, was Liebe und Freundschaft angeht.

Nur Freundschaft ist die Liebe zweiter Klasse.

Als wäre es ein quantitativer Unterschied, ein zwei Stufen-Modell, indem die Liebe hierarchisch deutlich oberhalb der Freundschaft liegt. Denn bei Liebe hat man Gefühle füreinander. Und an dieser Stelle werde ich wütend, denn das würde unterstellen, dass alle Menschen in meinem Leben, mit denen ich befreundet bin, im Prinzip keine Rolle spielen und ich keine Gefühle für diese Menschen hätte. Es ist schlimm genug, dass wir selbst die Begriffe trennen und natürlich verstehe ich, dass bei einer Liebesbeziehung klassisch die Körperlichkeit dazugehört, die bei Freundschaften nicht immer gegeben ist. Mittlerweile muss ich allerdings sagen, dass sich dies bei mir auch nicht immer so klar trennen lässt. Was sind also diese Gefühle, von denen dort gesprochen wird. Inwiefern sind sie anders als die freundschaftlichen. Ich will hier nicht das Konzept Liebe in Frage stellen. Ganz und gar nicht. Vielmehr versuche ich zu verstehen, was der Unterschied ist. Obwohl ich ihn selbst schon emotional durchlebt habe, kann ich es nicht direkt in Worte fassen. Die ersten Ideen, die mir kommen sind so etwas wie Geborgenheit und Sicherheit und Bedingungslosigkeit (steht das nicht im Widerspruch innerhalb einer klassischen Paarbeziehung? Kann man bedingungslos lieben?), ist es die Zugehörigkeit? Ist es etwas, was uns beigebracht wird? Etwas das sozial konstruiert in unsere Köpfe und Herzen gemeißelt wurde und wir kommen da einfach nicht raus? Sind es diese sozialen Führstricke, die uns Orientierung im Leben erlauben? Tut uns das gut?
Eine Beziehung ohne eine Freundschaft kann nicht klappen.

Und wer mich kennt, weiß, ich hab‘ es versucht.

FreundInnen dürfen so viel mehr als PartnerInnen, dass es irgendwie widersprüchlich ist, die Liebe höher einzustufen. Verzeihen fällt leichter. Es ist möglich, Abstand zu nehmen und sich wieder neu zu begegnen.
Eine Liebesbeziehung ist wie ein Gummiband, dass straff gespannt ist, und wer das schonmal gemacht hat, weiß, dass das Gummiband rissig wird und spröde, je länger es so gespannt bleibt. Passiert etwas, dass die Beziehung erschüttert, reißt das Band. Man kann es zusammenknoten, Hilfsmittel nutzen und es über einer Flamme zusammenschmelzen (stelle man sich nur mal den metaphorischen Schmerz an dieser Stelle vor, und die Gewalt, die dort passiert). Die Freundschaft ist auch ein Gummiband. Aber es ist nicht gespannt. Es lässt sich dehnen und schnellt zurück wenn es gespannt wurde. Es ist natürlich nicht unendlich dehnbar und kann durchaus reißen.
Aber es hat mehr Spiel.
Und es muss schon eine ganze Menge passieren, bis es reißt. Und dann kann man es immer noch reparieren und flicken. So betrachtet, ist die Freundschaft zu einem Menschen so etwas wie der Heilige Gral unter den sozialen Beziehungen. Entsteht aus einer Freundschaft eine beidseitige romantische Liebe, ist sie so gut wie unzerstörbar.

Was macht das mit meinem Kanadier? Nun, wie es aussieht, hatten wir es damals geschafft eine Freundschaft aufzubauen, die sich auch nach langer Zeit des Dehnens wieder in Position zieht. Wir hatten viel daran gezerrt und so manchen Riss überwunden.
Jetzt, wo er wieder da ist, bin ich gespannt, wie es weitergeht. Das Schöne ist, egal, wieviel Zeit vergeht und wie sehr wir jeweils von unserem Leben abgelenkt werden, ich bin zuversichtlich, wir finden immer wieder zu einander.

 

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Great Expectations

1 Tag, 24 Stunden, 1440 Minuten, 86400 Sekunden.

Wie auch immer man Zeit angeben will, sie ist für uns alle gleichlang. Was sich unterscheidet, sind unsere Gewohnheiten, individuelle Bedürfnisse, Lebenswege, und Prioritäten.
Vor ein paar Wochen wurde ich mit dem Konzept konfrontiert, dass ‚keine-Zeit-haben‘ eigentlich Quatsch ist. Denn, es haben ja alle die gleichen 1440 Minuten am Tag. Es ist doch eher so, dass wir individuell unterschiedliche Prioritäten setzen und daher unsere Zeit anders nutzen möchten. Eine Aussage wie: „Ich hab keine Zeit für dich“, heißt also eigentlich eher: „Ich habe andere Prioritäten als dich“.
Das mag sich nicht immer toll anfühlen. Aber wenn man mal ein wenig in sich geht, ist es gut nachvollziehbar. Es gibt Situationen, da ist man schlichtweg nicht wichtig für andere. Und das ist auch gut so! Es ist doch irgendwie schlimm, wenn jemand einen seltenen Besuch von Person A nicht wahrnehmen würde, weil ein viertes Treffen in der selben Woche mit Person B sonst flachfallen würde. Oder die wöchentliche Zeit-für-mich (Sport, Meditation, Schreiben, Hobbies, etc.) immer wieder ausfallen müsste, weil Andere mehr Priorität haben. Was wenn man seine Familie oft sehen möchte, oder auch mal nicht. Ist das egoistisch? Oder gutes Management? Unser ganzes Leben besteht aus Entscheidungen: was ziehe ich an, was esse ich, wohin gehe ich, wann stehe ich auf, wie oft dusche ich am Tag, mit wem rede ich, was kaufe ich ein (und löse mit diesen Entscheidungen wahnsinnig viele andere Prozesse aus), welche Transportmittel nutze ich (ich will nun ganz sicher nicht noch von diesen globalen Folgen anfangen). Entscheidungen, Entscheidungen, Entscheidungen. Und wir sind mitten drin und setzen Prioritäten.
Oftmals werden Entscheidungen als Streß empfunden. Und ich weiß nicht, ob es am Zeitgeist liegt, oder an meinem Alter, meinen Erfahrungen bisher im Leben oder der Digitalisierung. Oftmals werden Entscheidungen mit Erwartungen gekoppelt und ab da wird es sozial vertrackt. Wären Erwartungen nicht Teil der Gleichung, so wären Entscheidungen ein ziemlich rationales Geschäft. Ein nüchternes Pro und Kontra. Eine Liste, die wohl die meisten Menschen schon mal gemacht haben. Und Teil diese Liste ist in den meisten Fällen die Befindlichkeit der anderen Menschen. Also die Erwartungen, die andere von uns haben.
Bei den hunderten von Entscheidungen jeden Tag beziehen wir unsere Mitmenschen mit ein, mal mehr, mal weniger. Und ab hier wird es richtig chaotisch. Jede an der Situation beteiligte Person hat Erwartungen und handelt so, dass es den bestmöglichen Outcome für sich selbst gibt (je nach Priorität der Situation für das Individuum). Gehen wir mal von einer demokratischen Gesellschaft aus, sodass Kompromiss durchaus die ideale Lösung sein kann. Aber Zeit ist kompromisslos manchmal. Aufmerksamkeit auch.

Ich habe neulich bei Tinder einen Mann kennengelernt und die ersten Nachrichten waren nett und unkompliziert. Da mich die Rhetorik der ersten Nachrichten meist eher langweilt (es ist ja doch immer der gleiche smalltalk, denn es zu überwinden gilt, um richtig ins Gespräch zu kommen. Man kennt sich schließlich überhaupt nicht.), hatte ich schnell ein Treffen vorgeschlagen. Diese Entscheidung (!) habe ich getroffen, da der Nutzen, ganz rational betrachtet, bei einem Treffen größer ist. Denn auch wenn das Schreiben vorher nett ist, kann es sein, dass man sich gegenübersteht und einfach nur NEIN denkt.
Folgende Entscheidungen sind bis zum ersten Treffen mindestens gefällt worden:
* wischt mein Finger nach links oder nach rechts
* schaue ich mir das Profil in Ruhe an, bevor ich wische, oder wische ich einfach.
* Oh, ein Match! Suche ich weiter oder schreibe ich dem Menschen direkt?
* Schreibe ich zuerst? Oder warte ich? Aber wie lange?
* Gesetzt ich schreibe zuerst: Gebe ich mir Mühe? Benutze ich Standardphrasen, die mich nicht weit bringen, aber den Anfang machen für etwas, was vermutlich nicht sehr fruchtbar sein wird, weil ich mir nicht mal die Mühe mache, etwas individuelles zu schreiben?
* Kriege ich eine Antwort von Person B?
* Halte ich das Gespräch aktiv am Laufen? Stelle Fragen? Bin aufmerksam?
* Initiiere ich ein Treffen?
* An welchem Wochentag? Lasse ich etwas anderen dafür ausfallen (Priorität!)?
* Um welche Uhrzeit? (abends kann suggestiv sein, morgens aber auch, wie lange plane ich ein?)
* Was für eine Aktivität plant man? Essen? Trinken? Spazieren gehen? Draußen, drinnen? Alkohol? Tee? Kaffee? Frühstück? Kino? Theater? Museum?
* usw.

Es ist erschreckend und ernüchternd, dass wir so viele Entscheidungen treffen und mittlerweile mit einem gewissen Kalkül, vor allem im Kontext Dating. Aber irgendwie liegt es auch in der Natur der Sache, bzw. den Wegen, die wir heute nutzen, um jemanden kennenzulernen.
Einerseits leben wir in einer Gesellschaft, in der Effizienz und Rationalität als etwas erstrebenswertes gilt. Multitasking, immer überall dabeisein (Prioritäten!), alles mitbekommen und immer erreichbar sein. Und gleichzeitig wird uns eine romantische Idee verkauft. Nämlich, dass trotz all dieser rationalen, zumeist digitalen Entscheidungen am Ende eine Emotion steht. Und zwar für beide. Möglichst die selbe.
In diesem Prozess muss erst einmal das Produkt getestet werden. Vor einem persönlichen Treffen ist man Selbstmarketing ausgesetzt. Jede und jeder verkauft sich so gut es möglich ist. Je nach Priorität. Und diese Phrasen und Floskeln lassen sich erst hinterfragen und wirklich verstehen, wenn man sich erlebt. Im echten Leben. Und dazu kommen nun die Erwartungen, die sich aus den Prioritäten der Vorentscheidungen ergeben. Hoch Komplex. Irgendwie faszinierend, dass sich all das in ein fester Format zwängen lässt und ergibt, dass sich Menschen tatsächlich treffen.
So kam es nun, dass ich mich mit Person D traf. Ein gemeinsamer Spaziergang an einem belebten Ort, unter der Woche, abends (Sicherheit durch andere Menschen; ‚freien‘ Abend hergegeben; frühes Ende, da Arbeit am nächsten Tag). Das Treffen verlief sympathisch und nett, was Humor angeht, mussten wir uns ein wenig aneinander herantasten, aber am Ende des Treffens stand eine weitere Verabredung.
Während des ersten Treffens bereits sagte ich Person D, dass ich oftmals länger brauche, um auf Nachrichten zu antworten. Das sei nichts Persönliches, einfach eine Tatsache. Es ginge auch nicht um tagelang Funkstille, aber manchmal dauert es einfach, bis ich mir die Zeit nehmen kann und will. Ich mag nicht (oder habe die Entscheidung getroffen) dauernd auf mein Telefon schauen, ich möchte mich auch gern auf Menschen konzentrieren, wenn ich sie sehe. Er würde es ja sicherlich auch als unhöflich empfinden, wenn ich während des Spaziergangs Nachrichten an andere Menschen geschrieben hätte.

Alles kein Problem. Bis nach dem zweiten Treffen (am Wochenende!, mehr Zeit!, heilige Freizeit!).
Während des zweiten Treffens fragte mich Person D, ob ich Lust hätte, am folgenden Wochenende einen Tag ans Meer zu fahren mit ihm. Nach zwei Treffen, die schön aber (für mich) nicht aussagekräftig genug waren, um eine Entscheidung für ein solches zeitliches Engagement zu treffen, eine große Frage. Ich sagte, ich würde es mir überlegen  und im laufe der Woche Bescheid geben.
Am nächsten Tag (Montag) schrieben wir kurz, jedoch nicht zum Thema Meer. Am Dienstag hatte ich Besuch (Prioritäten) und ließ mein Handy ungeachtet im Regal liegen. Wie konnte ich nur. Als ich mir am nächsten Tag die Rage-Nachrichten von Person D durchlas, war ich fassungslos. Er warf mir tatsächlich vor, ich würde mir ja nicht mal die 30 Sekunden nehmen, ihm zu Antworten und zwei Tage auf eine Antwort für den Meer-Tag zu brauchen, sei eine klare Aussage von mir.
War es auch. Ich hatte andere Prioritäten. Ich habe in der Zeit Menschen gesehen, die mir bereits wichtig sind (was er ja potenziell hätte erreichen können, aber nicht nach zwei Treffen und einer etwas überdimensionierten Planung, gemeinsam ans Meer zu fahren). Ich habe nicht neben meinem Handy gesessen und auf Nachrichten von ihm gewartet. Wie kann ich denn auch jemandem, der nichtmal weiß, wie ich mit Nachnamen heiße, die gleiche Priorität geben, wie Personen, die mir bereits wichtig sind.

Seine Erwartung war eine Andere. Er wollte bedingungslose Aufmerksamkeit ab der ersten Nachricht. Und wenn es sich für mich richtig angefühlt hätte, wäre das vielleicht sogar passiert.

Meine Erwartung war: wenn es gut läuft, dann wird sich meine Priorisierung verschieben. Den Kontakt wachsen lassen und sich langsam einen Weg in mein Leben bahnen lassen. Er wollte alles oder nichts ab der ersten Entscheidung.
So ist man halt verschieden und geht nun wieder getrennte Wege.

Groll ihm gegenüber empfinde ich nicht, da haben andere Menschen und Dinge gerade eine höhere Priorität.

Words are Weapons – Bilingual cross-cultural Flirting

Language and communication have many levels and layers that are complexly intertwined. But don’t worry, this is not going to be a dry essay on linguistic semantics. It’s rather thoughts on how our culture influences our choice of words and how it influences the way we READ language. Not just culturally but also individually, depending on your life experience, character and interest, your mood and what you ate that day, your health and stress level and so many other aspects. It’s shockingly amazing people can actually use a code (or language in form of spoken or written word) to communicate and indeed get the meaning that was intended. Not just the content but meta information by analyzing the tone and voice, the facial expressions and the body language. How awesome is our brain to do all that work within nano-seconds.

But back to dating. That’s what this blog is about. Meeting new people, reflecting about social encounters and the life lessons we can draw from it, as tiny as they might be.
I met the man about eight months ago online. His profile on an international platform was detailed and an interesting read about his life in Oregon. His profile said he planned on moving to Germany and was organizing the move at the time. We matched (weird online-dating lingo) and right from the start we just clicked. Even though we were chatting our messages were ridiculously long and well written. I enthusiastically looked up lots of vocabulary to up my language game and avoid misspellings. I wanted to impress him and accurate wording seemed to be something he appreciates. His situation was complicated at the time, he had been divorced a couple of months before, working two jobs with crazy hours and he was a writer. The Writer had once started college but had to drop out at some point due to personal reasons. He felt underachieved and therefore the plan to move to Europe, start fresh, go to University and get that degree. He sent me some pieces of his writing and I enjoyed discussing his work with him on an academic level that usually feels like a chore to me. It was fun arguing with him. We switched to WhatsApp to chat and started leaving voice messages. And when we talked on the phone for the first time I got laughably nervous. My voice was shaky, my language level went down to a solid A2 and I felt like being in a surprise oral exam. I found the basal words to tell him about my anxious state and his reaction was just perfect. He kept on talking, telling me all kinds of stories that only required me to listen and produce sounds of acknowledgment. After a while, I calmed down a bit, started talking and guess what? I didn’t sound like 4th-grader anymore and my choice of words got more accurate with every minute. We talked for solid four hours. Two weeks later we talked again for seven (in digits: 7 ! ) remarkable hours.

Being from two different cultures (as similar as they might seem) led to some interesting talks and language analysis. We even read linguistic articles about the different linguistic aspects and semantic differences. While talking we had hardly any communicative problems in terms of understanding the content. In some moments though, something felt off. After some weeks we unlocked a new level and started flirting. I have never really flirted in English and I definitely lack feisty phrases, which is my way to go in German. So weird compliments were my path of choice and as a German, I like them to be precise and personal. I feel like Germans compliment rather considerately and deliberately, revealing affection by showing that you paid attention and took the time to make it personal. Which might be the reason Germans compliment each other rather scarcely. The American way however, is rather blunt and mostly consists of the adjectives ‚nice, good, beautiful, pretty and great‘ (Wolfson : 120) and the verbs ‚like and love‘ (Wolfson : 122). One can distinguish between pragmatic compliments (praising someone’s abilities rather than using a fixed set of words) and the adjectival compliment. Americans use compliments generously in quantity, which is irritating for non-native speakers. While the Writer thought he was being nice and ending his messages with ‚You’re pretty‘, I got slightly pissed for his superficial statement, when we had just discussed international politics a minute before. In that particular situation, it would have been so easy to just say that it was fun to debate with me. But prettiness seemed so random and redundant (he said it in almost every message). So thanks to linguistic scholars who do corpus research I learned that this is a major difference between our cultures. Thank you for that! Yay Academia!
Another story on cultural misunderstandings:

I’m still active on that dating website and some guy messaged me, saying that I looked expensive and whether I wanted to go out with him (he was an American who stayed in my hometown for a trade fair thing). I was appalled. How could he assume I was a prostitute/escort or whatever! I left him a snarky comment and closed the thread. Later I told the Writer about it and he enlightened me on American hillbilly hit on phrases (his words, not mine). The trade-fair-guy was indeed implying, that I was a woman that liked expensive things (I have no idea how he could think that from my profile) and likes to get expensive gifts and go to fancy restaurants. Basically: my sole goal in life is finding a rich guy to pay for my extravagant needs. I can’t even phrase this neutrally, I still don’t get, how that is supposed to be a complimentary message. But it occurs, that this is a legitimate way to hit on a woman in the States. So, sorry Mr. Trade-Fair-Guy, I got offended by something that is offensive. Oh, wait. No matter his intentions, his choice of words and not reflecting on what he wrote made him instantly unattractive to me.
I like to be accurate with my wording. English is my second language and I know one will always hear my accent and know I’m German simply from my long run-on sentences. And with the Writer I felt like I found someone who shares this appreciation of language.
While I think the Writer is, due to his passionate profession, reflective on a language level, he still uses phrases that make me cringe. I wonder what it feels like to use verbs as ‚to harass‘ in a flirty-sexual context and think this is ok. Nothing about harassment is sexy. And it’s nothing ‚I can or cannot handle‘. It’s something I should not have to handle in the first place. I get how it works within the language, but the connotation is politically so wrong, I don’t even know where to start. I don’t think he is a misogynic ass, I didn’t think the trade-fair-guy was. But this is just wrong.
It’s cultural difference and a certain level of ignorance, plus lack of awareness. The privileged standpoint of a white western man. Words can cut like knives, and while the Writer thought he was flirting with me, I was hurt. By his inconsiderate remark. His unreflected statement. His use of violent language in a way, that makes sexual abuse, harassment and rape something, that can be legitimately used in a flirty or even innocent context. It’s not. It’s never ok. No matter what your cultural background is.
There are heated discussions in Germany about Gender Equality in language and how words can suppress minorities. I realize that the English language works differently in these matters and the reproduction of discriminatory stereotypes occurs on other levels. Still, it is highly implemented in everyday phrases, figures of speech and idioms. Being reflective enough to realize and rephrase these statements requires an intrinsic will and education to do so.

Never forget: words are weapons and language can be violent. So, be aware, reflect and use your empathetic brain every once in a while.

Change the world, word by word.

 

Sources:
Wolfson, Nessa – Compliments in Cross-Cultural Perspective
TESOL Quarterly, Vol. 15, No. 2 (Jun., 1981), pp. 117-124

(and I realize how weird it is to quote here, but it didn’t feel right not to.)

Jagdverlauf und Beute

Der Jäger ist nun seit etwa 6 Monaten ein stetiger, aber beiläufiger Begleiter meines Lebens. Und ich habe viel gelernt von ihm. Über mich, über Beziehungen, über Sex, über Spaß, über Blödsinn und übers Erwachsensein. Ich bezweifle, dass ihm das klar ist.

Es ist das erste Mal, dass ich erfolgreich das Modell friends with benefits (oder wie auch immer man es betiteln möchte: Affäre, fwb, Freunde+, etc.) lebe und es genießen kann, ohne Angst, jemand würde sich verlieben oder anhänglich werden. Und das ist ein wichtiger Punkt, den ich gelernt habe. Es geht, es funktioniert.
Ich hatte bisher quasi durchgängig Beziehungen in meinem Leben und wenn man so will, war ich insgesamt etwa 1 Jahr Single seit ich 13 war (wir rechnen jetzt mal nicht genau nach, aber es sind mehr als 13 Jahre, die ich in Beziehungen verbracht habe).
Vereinfacht gesagt habe ich immer jemanden gehabt, bis jemand vorbeikam, der mit besser gefiel. Das liest sich grausam und war natürlich deutlich komplexer und individueller auf der emotionalen Ebene, aber dazu vielleicht später einmal mehr.
Alleinsein ist nicht gerade meine Stärke. Während ich sehr genieße mal einen Abend für mich zu haben, so ist das Alleinsein auf Dauer immer eine Horrorvorstellung für mich gewesen. Was wenn ich vom Weg abkommen? Was, wenn ich allein verantwortlich dafür bin, dass und wie mein Leben läuft? Was, wenn ich mich nicht auf jemanden anderes konzentrieren kann, wenn mir mein Leben zu viel wird?
Bisher war die Anwesenheit eines anderen Menschen auch immer eine Flucht für mich. Davor, mich mit meinem eigenen Kram auseinanderzusetzen, plus ich bin eine Meisterin der Anpassung. Wenn es sein muss, kann ich mich mit jedem noch so abgefahrenen Hobby anfreunden und finde vielleicht sogar selbst gefallen daran. Aber auch emotional passe ich mich schnell an, ich werde manipuliert (oftmals unbeabsichtigt und seltenst mit Absicht). Manipuliert werden ist passiver und entlastet mich ein wenig von der Verantwortung, die ich auch nicht auf meine Exen abwälzen will. Nein, es gehören zwar zwei dazu, aber der eine tut unbewusst, der andere lässt unbewusst mich sich machen. Das sind Dynamiken, die man mit viel Arbeit durchbrechen kann, man kann es aber auch lassen. Bisher habe ich mich mit all meinen Partner-Menschen wohlgefühlt und bis auf wenige Ausnahmen auch nicht ausgenutzt. Ich kann ehrlich behaupten, eine fantastische Riege an Menschen in meinem Leben gehabt zu haben, die mir alle viel bedeutet haben. Trennungen sind nie schön, doch die meisten sind fair verlaufen, mit einem Großteil bin ich noch rege in Kontakt.
Jetzt bin ich also Single, seit schon fast einem Jahr und lerne nun vom Jäger, wie man Nähe und Geborgenheit auch außerhalb einer Beziehung erfahren kann. Und inwiefern das anders ist, als eine Beziehung zu führen.
Vorweg: Es ist großartig und passt genau in meine Lebenssituation zur Zeit. Ich hätte nicht gedacht, dass ich, als emotional konditionierter Mensch (verlieben, binden, behalten, Ausschau nach was anderem) einmal genießen könnte, nicht für jemanden da zu sein. Nicht aus Verpflichtung. Ohne verletzt sein, ohne verliebt sein, ohne Zukunftspläne. Ohne garantiertem Payback. Ohne Kalkül. Es ist tatsächlich ehrlicher, ein solches Beziehungsmodell zu fahren, als würde man sich ewige Liebe schwören. Es gibt keine Floskeln, nach ‚Ich mag dich‘ ist die emotionale Leiter erklommen, danach kommt nichts mehr. Und das ist gut so. Ich mag den Jäger. Er begleitet mich nun schon eine Weile und er hat nur wenig Ahnung davon, was ich so mache, was in meinem Leben so passiert. Er lernt mich ohne Alltag kennen und das ist ein großartiger Luxus heutzutage. Wenn es mir nicht gut geht, treffen wir uns nicht. Wenn ich keine Lust habe, ihn zu sehen: treffen wir uns nicht. Wenn er keine Lust hat: treffen wir uns nicht. Wir sehen uns nur, wenn beide Zeit und Muße haben, sich einen Abend frei zu nehmen. Es ist ein Date auf Abruf, dass bisher kontinuierlich lustig, entspannt und frei von Erwartungen war. Und dabei schwanken unsere Gesprächsthemen von Blödsinn zu Tagespolitik, von geradezu kindlichen Lachanfällen zu küchenpsychologischen Diskussionen. Wir gehen ins Kino, spazieren, fahren mit dem Auto durch die Gegend und singen schief bei schlechten Popsongs mit.
Wir teilen die Leichtigkeit, die eine frische Beziehung Anfang der Zwanziger mit sich bringen würde und lassen den Balast einfach heraus.
Ob dies ein Modell ist, dass einen ein Lebenlang erfüllen kann, bezweifle ich. Mir würde es vermutlich dauerhaft nicht reichen, denke ich. Aber was weiß ich schon, ich dachte auch, ich kann fwb nicht und würde mich zu schnell verbeißen und mehr wollen. Durch seine Distanz hat der Jäger mir beigebracht, dass ich nicht gleich Heiratspläne mit jemandem schmieden muss, um eine gute Zeit zu haben. Und damit meine ich nicht flüchtigen Sex, sondern tatsächliches Vertrauen und Geborgenheit. Einanderen Verletzlichkeit eingestehen, ohne Abhilfe zu erwarten. Man-Selbstsein ohne sich zu verstellen und daraus Bestätigung ziehen. Und daraus ziehe ich wundersamerweise genauso Bestätigung wie aus einer Beziehung. Mehr noch vielleicht.
Ein fester Partner gibt uns das Gefühl von Dazugehören, von sozialer Legitimation. Wenn es ein Mensch so nah und eng mit mir aushält, kann ich ja nicht so schlimm sein. Ist man in einer Beziehung und merkt, dass es doch nicht passt, so geht das ganze Trennungsgehabe los (gegenseitig ausspielen, Streit, Unzufriedenheit, im nervigsten Fall: Hab und Gut aufteilen), wenn ich den Jäger nicht mehr sehen will, sag ich es ihm einfach. Würde er mich nicht mehr sehen wollen, würde er es mir sagen. Die Konsequenzen sind vergleichbar gering. Daher rührt meiner Ansicht nach die besondere Ehrlichkeit und Offenheit unserer Begegnungen.
Ein Ende dieser Affäre ist allerdings schon für den Sommer vorgemerkt, dann wird der Jäger sich neuen beruflichen Projekten widmen, anderenorts. Bis dahin, oder bis sich aus anderen Gründen die Treffen nicht mehr ergeben, genieße ich, über Tinder eine guten Freund und interessanten Menschen kennengelernt zu haben. Wer hätte das gedacht.

Blumenstuhl

Dies ist das Ergebnis eines 40-Minuten-Schreibprojekts. Eine Story, drei Enden. Keine Überarbeitung.

Setting: Mitteleuropäischer Industriestaat.

Es war einmal…

Mr-T kam im Sommer nach H und Miss-L verliebte sich Hals über Kopf in ihn, warum, weiß niemand so genau, denn er war sehr eigenartig und ein Klugscheißer. Vielleicht sah sie sich selbst in ihm. Dennoch, alles war ganz wunderbar, bis Mr-T herausfand, was die Wirkung von Blumen auf Frauen wirklich ist. Nicht nur, dass es eine sehr alte romantische Tradition ist, seiner Angebeteten Blumen mitzubringen, es hatte auch eine ganz besondere Wirkung auf Miss-L. Während sie sonst eher ihre Gefühle für sich behielt, wurde sie, nachdem sie Zeit mit ihren Blumen verbracht hatte immer entspannter und offener. Sie sprach mehr, erzählte mehr von sich, war fröhlicher und ließ ihren emotionalen Schutzwall bröckeln.

Mr-T sah was geschah, wenn er seiner Liebsten Blumen schenkte und er beschloß, dass dies die beste Version seiner Auserwählten sei und dass er diesen Zustand so häufig und dauerhaft wie möglich erleben wollte.

War sie weit entfernt von Blumen, so geschah es, dass sie weniger weichmütig wurde und unzufrieden und laut ihre Meinung äußerte. Er begann schnell einen ausgeklügelten Blumenversorgungsplan aufzustellen. Und so kam es, dass Miss-L immer frische Blumen um sich hatte, um sie zu betrachten. Nun ist es aber so, dass der Zauber der Blumen nur kurzfristig magisch und anregend wirkt und schnell wurde aus Miss-L eine eigentümliche Person. Nicht mehr offen, nicht mehr lustig und experimentierfreudiger [ 😉 ], sondern couchig und verfressen tilgte sie ihr Dasein. Ohne Freude und Antrieb dümpelte sie im Schloß herum [natürlich wohnen die in nem Schloß, dass fängt ja auch mit ‚Es war einmal‘ an, Genre-Treue beim Schreiben], betrachtete ihre Blumen und fand doch so gar keine Leichtigkeit und Freude mehr daran.

Ende A)

Mr-T sah dies leider nicht mehr, denn er war bereits weggelaufen, zu jemandem, der auch ohne Blumen entspannt und offen war. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann betrachtet Miss-L ihre Blumen noch heute, einsam im Schloß…[aber hey, im SCHLOSS!]

Ende B)

Mr-T sah was mit seiner Liebsten geschah und suchte eine der Hexen auf, die im nahegelegenen Wald hausten. Er schilderte seine missliche Lage, war er doch so verliebt gewesen fühlte er nun seine Affektionen schwinden. Was sollte er noch tun, um Miss-L glücklich zu machen, er brachte ihr immer frische Blumen, war immer verfügbar und bekochte sie mit den besten Speisen. Die Hexe lachte hämisch und reichte Mr-T einen leuchtend grünen Zaubertrank in einem kleinen Glasfläschchen. ‚Wann und wie soll ich das meiner holden Miss-L verabreichen, damit sie wieder normal wird?‘ – Doch die Hexe lachte wieder: ‚Du Dummkopf, das ist nicht für Miss-L, dass musst du selbst trinken. Nimm es gegen Abend und nur einen kleinen Schluck. Du wirst schon sehen,was geschieht‘.

Mr-T lief zurück zum Schloß, wartet bis die Abendstunden kamen und trank einen kleinen Schluck des giftgrünen Gebräus. Seine Liebste hatte bereits den ganzen Tag ihre Blumen betrachtet und war sehr entspannt und erholt, ihre Launen waren sehr tagesformabhängig.

Während sie also gut drauf war und gern Zeit mit ihrem Prinzen verbringen wollte [in a sexy kinda way 😉 ], wurde ihm ganz anders. Er sah ihre Schönheit und was er aus ihr gemacht hatte. Es wäre völlig ausreichend gewesen, ab und an mal ein wenig gemeinsam Blumen zu betrachten. Er erkannte, dass es auch nicht die Blumen waren, die sie so positiv beeinflusst hatten, sondern er. Doch mit seinem dusseligen chauvinisten Gehabe hatte er ihr alle Chancen der Welt genommen und nun war sie nur noch selten die Miss-L, in die er sich verliebt hatte. Lag es am Hexentrank, dass er dies nun erkannte? Konnte er seine Liebe noch retten, oder war sie für immer verloren?

Ihm wurde schwindelig und während er ohnmächtig wurde, füllte er einen harten Schlag gegen seinen Kopf. Mit einem Stuhl. Außerdem hatte die Hexe ihn geroofied.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so lebten nun die Hexe und Miss-L zusammen im Schloß, betrachteten gemeinsam ab und an Blumen und waren glücklich und gleichberechtigt bis an ihr Lebensende.

Ende C)

Miss-L erkannte, dass sie nur gefügig gemacht wurde und trat Mr-T ins Gesicht, mit einem Stuhl. Wenn er sie nicht so lieben konnte, wie sie wirklich war, kratzbürstig und schroff, mit einer eigenen Meinung, Zielen im Leben und dem Bedürfnis nach Freiraum und Privatsphäre, dann konnte er ihr gestohlen bleiben. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann betrachtet Miss-L noch immer ab und zu ein paar Blumen, doch nach ihren eigenen Vorstellungen und Bedingungen. Mr-T hatte den Stuhl leider nicht überlebt.

Es

Als ich Es das erste Mal erblickte wirkte es so deplatziert, dass es für eine Sekunde kaum im Raum bemerkbar war. Alles schien einfach irgendwo zu stehen, nichts  an etwas anderem ausgerichtet zu sein. Orientierungslose Möbel, ein Sammelsurium im Chaos.

Da waren tiefdunkle Anrichten, ein Bauernschrank in Buche, ein eichner Esstisch und ein abgewetzter folierter Pressholztisch vor dem grausigen Etwas.
Worte vermögen Farben nur bedingt zu beschreiben; es war ein lachs-creme-aprikosenfarbendes-rötlich-schimmerndes Dreisitzer-Gebilde. Auf der unglaublich seltsam gewinkelten Armlehne lag eine knall-orangene Mikrofaserdecke, eine von denen, denen man die statische Entladung bereits ansah. Die Farben schienen sich Gleichzeitig zu ähneln und zu beißen.
Es war ein unfassbar häßlicher Anblick.
Gott sei Dank war ich so verschossen in den Menschen, dessen Wohnung ich hier zum ersten Mal sah; ich hatte meine rosarote Brille noch sehr fest auf. Das schien den Farbton jedoch auch nicht erträglicher zu machen. Das Monstrum war einfach nicht zu übersehen.
Zögernd ließ ich mich auf der Couch nieder und fasst mit beiden Händen auf den Bezug, strich langsam darüber. Die Farben wechselten, so als wäre das Sofa mit Wildleder bezogen und dann aber sehr weichgespült worden. Der Stoff war sehr kalt, hatte doch seine glühende Färbung Wärmeres versprochen.
Ich war so verliebt, dass ich es einige Monate mit der Couch aushielt, ohne sie direkt zu thematisieren.
Doch dann kamen die Planungsgespräche für eine gemeinsame Wohnung.
Das kalte Grauen befiel mich:
Was, wenn er die Couch mitnehmen wollte?
Was, wenn sie sein absolutes Lieblingsmöbelstück war, von dem er sich auf gar keinen Fall trennen wollte?
Mir brach der kalte Schweiß aus, ich musste es ansprechen, mir selbst die Angst nehmen, würde es auch noch so unangenehm werden. Paare hatten sich schon wegen weniger getrennt, aber wollte ich jedem zerknirscht berichten, dass wir uns wegen dieses unendlichst häßlichen Sitzmöbels getrennt hatten? Ein bisschen Selbstrespekt habe ich schließlich noch. Also gerade heraus, es würde schon nicht so schlimm werden.
Nachdem ich meine emotionale Lage gegenüber dem Sofabesitzer dargelegt hatte und vorsichtig nachhakte, ob es denn ok wäre, das Monstrum von seinem Schicksal zu erlösen und es zur Kippe zu fahren, erfuhr ich unerwartete Zustimmung. Doch ich hatte mich zu früh gefreut.

Was in den kommenden Wochen geschah, trübte die allgemeine Stimmungslage ungemein mehr, als ich erwartet hatte. Das Sofa musste nicht mit, in dem Punkt hatte ich bekommen, was ich wollte. Doch die Sache hatte einen Haken. Auf gar keinen Fall sollte dieses grandiose, unsäglich bequeme, tadellos funktionsfähige Biest auf der Müllkippe landen. Es sei ja noch gut und es würde sich sicher gut verkaufen lassen.
Tage vergingen, bis sich der erste Interessent meldete.
Es war ein polnischer Herr mittleren Alters, der Möbel aufkaufte und nach Polen schickte. Als er das Sofa sah, lehnte er dankend ab.
Ein Pärchen in Jogginganzügen und Ed-Hardy-Mützen fand, dass es dann doch nicht so bequem sei, wie erhofft.
Eine junge Studentin stellte sehr engagiert heraus, dass das Foto in der Anzeige ja ein ganz anderes Sofa zeigen würde und die Farbe sei auch ganz anders. Aus meiner Sicht hatte das Foto es geschafft, die Farbe noch abartiger zu machen, sodass sie an der Stelle eigentlich positiv hätte überrascht sein müssen.
Ein bierbäuchiger Hosenträgerträger gestand, er würde sich das Sofa nur anschauen, damit seine Frau ihn damit in Ruhe ließe, er hätte keine ehrlichen Absichten, dieses Ungetüm irgendwohin mitzunehmen.
Ich fand alle genannten Argumente mehr als legitim und es fiel mir schwer, das gute Stück zu bewerben. Am liebsten hätte ich es einfach verschenkt, aber auch das stellte ich mir schwierig vor. So einen leuchtend-dominanten Koloss musste man nicht erst ins Maul schauen, um seinen wahren Wert zu erkennen.

Der Auszug rückte näher und proportional stieg mein Panik-Level. Ich musste auf eine Entsorgung hinarbeiten. Ganz vorsichtig, ohne große Wellen, die Idee ein bisschen im Raum treiben lassen. Als Option. Vielleicht müsste man es doch entsorgen und natürlich wirklich nur, wenn es sein muss (musste es, absolut).
Immer wieder kamen mir Bilder von unserer schönen neuen gemeinsamen Wohnung vor Augen, mit dem aprikosen-flamingo-farbenden Ungeheuer neben dem Kamin. Es durfte nicht soweit kommen, es musste etwas geschehen! Eine Entscheidung musste her, eine Drucksituation, in der ein für alle Mal die endgültige Vernichtung dieses Zustands erreicht wurde!
Blind vor Panik rief ich wahllos Kontakte von meinem handy aus an und bat um Abnahme des Sofas.
Und endlich, endlich: Hoffnung!
Ein glibberig-orange-lachsiger Streifen am Horizont.
Ein Bekannter (auch Bekannter des Sofas) verstand meine missliche Lage und bot an, das Etwas bei einer sozialen Einrichtung unterzubringen. Ich war so erleichtert, ich musste mich erstmal setzen. Das war die perfekte Lösung (nicht für die armen Menschen, die sich in der Einrichtung aufhielten, aber wie ich später erfuhr, wurde das Biest mit Decken gezähmt und sah dann fast possierlich aus).

Traurig blickte der ehemalige Sofavater dem Transporter nach. Er wandte sich an mich und sagte: „Vielleicht finden wir ja ein Neues, dass wenigstens die selbe Farbe hat, richtig bequem war es ja nun wirklich nicht.“

Was dann geschah wurde nie wieder erwähnt (auch nicht während des Kaufs des neuen Sofas): Ungefiltert platze es aus mir heraus: Niemals käme mir ein so häßliches Ding in die Wohnung, er müsse ja blind gewesen sein, als er dies Sofa gekauft hatte, ob ich mir Sorgen machen müsse, da er ja auch mich letztendlich irgendwie ausgesucht hatte, ob ich in die selbe Kategorie fiele. Das ich NIEMALS, NIEMALS, NIEMALS ein solches Etwas zulassen würde.

Und dann…… Stille. Betretende Stille und eine seltsame Erleichterung. Ich hatte es geschafft, ich hatte mich vom glibberig-orange-lachs-creme-aprikosenfarbenden-rötlich-schimmernden-flamingo-farbenden Grauen befreit.
Und die Stille verging dann auch irgendwann. Spätestens, als die Farbe des neuen Sitzmöbels diskutiert werden musste.

Trotz meines durchdachten Plan war mir doch ein Fehler unterlaufen in all der Aufregung: irgendwie hatte es die statisch-orangene Decke geschafft ein paar Wochen später auf unserer neuen dunkelgrauen Couch aufzutauchen.

Fair enough, ich weiß, wann ich mich geschlagen geben muss.

Waidmannsheil [Interjektion]

Der Jäger begann perfekt. Ich nutze dieses Wort nicht leichtfertig. Es war wirklich perfekt. Für mich, für die Menschen, mit denen ich diese Geschichte bisher geteilt habe. Für den Jäger vermutlich auch. Nur anders vielleicht. Aber dazu später einmal mehr.

Wenn man bei Tinder die erste Chat-Hürde überwunden hat (wer schreibt wen an und was zum Henker schreibt man da eigentlich?), hat man im Prinzip schon gewonnen. Und wenn dann auch noch eine Partei ein Treffen vorschlägt, bevor der Chat seltsam wird, sollten in den heutigen Zeiten eigentlich schon die Hochzeitsglocken läuten. Virtuell natürlich. Vorausgesetzt Person B sagt ja zum Treffen.

Ich war 25 Minuten vor der verabredeten Zeit im Café; ich bin gern früh da, um die Lage zu checken und um einen kurzweiligen Heimvorteil zu haben. Kein seltsames Jacke-ausziehen oder Nase-schniefen von der Kälte draußen. Relaxt Herr der Lage sein und tief durchatmen, bevor die Show beginnt.

Denn seien wir mal ehrlich, es ist alles eine Show. Die Profil-Bilder, die semi-intellektuellen Sprüche im Profil. Die prätentiös tiefsinnig Musikauswahl für die eigene Hymne.

Berechnende Fiktion auf drei Ebenen.

Und dann betrat der Jäger das Café und war einfach toll. Er war ebenfalls zu früh (15 Minuten), sein erster +-Punkt. Groß, bärtig, männlich, tolle Augen. Ich suchte seinen Blick um ihm zu signalisieren, dass ich ich bin; und er sah mich und drehte sich nicht zur Flucht um. Ein solider Start also.

Als der Jäger sich setzte wurde ich aufgeregt. Nicht so, als hätte ich eine Deadline vergessen und müsste nun in 15 Minuten 20 Seiten Abhandlung abgeben. Eher diese seichte schöne Aufregung, die man früher an Heilig Abend hatte. Vor der Bescherung. Der Jäger ließ mich Weihnachten fühlen, ohne, dass wir bisher großartig Worte gewechselt hatte. Er hatte eine kompromißlos entspannte Körpersprache, Selbstbewusstsein, und Humor. Das komplette Paket. Und das Beste: eine tiefe Erzählerstimme mit einem leicht nordischen Einschlag.

Wir stiegen seicht in die Unterhaltung ein; Smalltalk, den wir im Chat vermieden hatten. Er erzählt mehr als ich erwartet hatte und befürchtete schon, dass sich dieses Treffen wie das vorherige mit dem Zauberer anfühlen würde. Doch er erzählte vom Hof seiner Eltern, von seiner Ausbildung zum Landwirt, von seiner Zeit als Soldat, vom Jagen. Und riss die Ereignisse nur an, ich hatte so viele Fragen in meinem Kopf und fand alles spannend, was er berichtete.

Seltsame Gesprächspausen gab es keine und er bestellt sich ein belegtes Brötchen mit ‚was halt weg muss‘. Seine bodenständige, unkomplizierte Art faszinierte mich. So machten wir uns doch immer alle zu viele Gedanken darüber, was andere von uns denken könnten, was für Schlüsse aus den einfachsten Alltagsentscheidungen gezogen würden. Sein Verhalten wirkte einfach authentisch, er spielte keine Rolle.

Nur war es nicht nur, was er sagt, sondern wie. Seine brummige, tiefe, männliche Stimme berührte mich. Sie tat etwas mit mir, und so etwas ist selten. Stimmen verbinden.

Und wenn man merkt, dass man eine Verbindung mit einer Person hat, dann entkrampft das unheimlich. Ich habe diesen Mann nach etwa 10 Minuten in mein Herz geschlossen. Nicht auf die triefige psycho-amoröse Art und Weise. Manche Menschen sind einfach Herzmenschen. Die berühren einen direkt. Ohne, dass man sie großartig kennt. Bauchgefühle reichen manchmal. Und wir sprechen hier nicht von Liebe.

Nach dem Café gingen wir noch spazieren, ein wenig die Stadt erkunden (er war gerade erst hergezogen und kannte sich noch nicht so aus). Und wieder: Entspannung. Blödsinn reden. Schaufenster schauen. Menschen gucken. Dinge entdecken, die man eigentlich kennt. Wir passierten illegal Baustellen um von Kanten zu schauen, gingen geheime Privatwege, die ich noch nie auch nur beachtet hatte.

Als wir die Altstadt erreichten blieben wir Ewigkeiten vor einem dieser seltsamen Indianerläden stehen, die neben Messern und Mokassins auch allerlei anderen Ramsch verkauften. Eine Gruppe Hobbyfotografen passierte uns, und der Jäger schnappte mich und drehte mich in Pose, eine einzige flüssige Bewegung mit erstaunlich wenig Widerstand meinerseits. Wir lachten und posten und schlenderten weiter, vorbei an den irrwitzigsten Geschäften. Nichts war zu trivial, um kommentiert zu werden. Und so verbrachten wir knappe 3 Stunden damit, über Nichts zu reden und zu lachen.

Ich navigierte uns langsam wieder zu seinem Auto, als wir es scheppern und krachen hörten. Ein Skateboarder hatte ein paar Meter entfernt sein Board zerlegt und fluchte nun wild, völlig in Rage und Ärger trat er weiter auf des angeknackste Brett ein, bis es komplett in Zwei geteilt war. Der Jäger und ich hatten uns als Zuschauer auf einer Bank niedergelassen und beobachteten gespannt, was noch passieren würde. Doch der Skateboarder zog nach völliger Demolierung seines Boards frustriert ab und wir entschieden, als letzte Station des Abends in den 14. Stock des Universitätsgebäudes zu gehen und uns die Stadt bei Nacht (es war mittlerweile etwa 19.30Uhr und entsprechend dunkel) anzuschauen. Oben angekommen stierten wir aus den Fenstern, ich erklärte, welche Gebäude und Plätze wir auf dem Weg hierher passiert hatten. Ich fühlte mich leicht. Es war genau die richtige Mischung an Kontrolle meinerseits und Irrwitz seinerseits.

Und sein subtiles Selbstverständnis, das ich nicht an der Straßenseite ging, er natürlich meinen Kaffee mit gezahlt hatte, ich den Vortritt hatte, er die Türen aufhielt und mich schlussendlich sogar noch die 700m nach Hause fuhr. Nicht auf eine suppressive Art, eher eine Art Wertschätzung meiner Person.

Er hielt vor meinem Graffiti besprühten Wohnblock und wir redeten noch kurz weiter bis der Moment kam, der die Zeit stehen lässt; kurz bevor man sich das erste Mal küsst. Unsere Blicke verfingen sich ineinander. Auch wenn man eigentlich weiß, dass es schön und vielleicht sogar richtig wäre: manchmal ist man dennoch feige. Ich löste meinen Blick von seinem und fragte ihn, ob wir uns wiedersehen würden. Er brauchte einen kurzen Moment und sagte dann: ‚Also weißt du, du hast mir jetzt schon auch die Möglichkeit geklaut, dich das zu fragen.‘ Er grinste und ich lachte.

Ich bedankte mich für den fantastischen Abend und wir merkten erst in diesem Moment, wie lange wir Zeit zusammen verbracht hatten.

Was auch immer in der Zukunft zwischen uns geschehen würde, unser Start versprach ein interessantes Abenteuer.

(to be continued)

Geisterstunde

Manche Menschen berühren uns sofort und wir sind wie in einem Bann. Wir wollen Zeit miteinander verbringen, das Gegenüber kennenlernen und völlig irrational nie wieder ohne diesen Menschen leben müssen. Zumindest für den Moment. Diese Menschen rühren unser Innerstes auf und hinterlassen Spuren. Spuren der Liebe und der Hoffnung, Spuren von Schmerz und Leid. Spuren von Leben.

Und es gibt Geister.

Geister leben wie Menschen unter uns, doch sie können uns nicht berühren. Nicht absolut gesehen natürlich, sie können schon jemanden berühren, nur eben nicht uns. Sie huschen an uns vorbei, schleichen heimlich durch unser Leben und verschwinden wieder. Ohne jemals eine Spur zu hinterlassen.
Geister sind überall und jeder hat sie. Auch wenn wir sie nicht sehen oder wahrnehmen.
Eine bewusste Begegnung mit ihnen geschieht nur sehr selten und kann äußerst rar dokumentiert werden; werden Geister doch aufgrund ihrer Natur nur in den seltensten Fällen überhaupt wahrgenommen. Die moderne Dating Kultur ermöglicht nun aber auch Geistern in unser Leben zu treten.

Mein Geist war sehr vorsichtig.

Als Frau wird man oftmals angehalten, doch möglichst Acht zu geben, dass man nicht an Irre oder Verbrecher gelangt und sich damit in Gefahr bringt. Der Geist machte mich zu seiner Gefahr. Er hielt mich so sehr auf Abstand, dass es einerseits einfach eine interessante Herausforderung wurde, ihn mal zu treffen , andererseits grenzt es an ein Wunder, dass es überhaupt jemals zu einem Treffen kam.
Auslöser war nach dem ersten etwas dünnen Kontakt ein Gespräch über Musik. Wir hatten endlich ein entspanntes Thema gefunden, dass über Smalltalk hinausgeht und anscheinend selbst ihn mal auftauen ließ. Wie ich später herausfinden sollte, spielte er Bass.
Wir verabredeten uns für ein Bier im Pub und endeten dann doch auf einem Weg-Bier-Spaziergang durch die Stadt. Er arbeitete in einer Firma, die Prothesen und Orthopädische Hilfsmittel auf Maß anfertigt und mit dem Krankenhaus zusammenarbeitet, in dem meine Mutter seit 30 Jahren tätig war. Ich stellte dies heraus und als hätte ich ihm die Jacke weggenommen, verkniff er sich und fand es doch etwas früh, über die Eltern zu sprechen. Ich wollte ihn ja auch nicht gleich zu Hause vorstellen.
Ich fand seine Reaktion etwas seltsam, und ließ daher ihn einfach mal reden. Er erzählte recht emotionslos von einer Asienreise, die er kürzlich unternommen hatte. Irgendwie kamen wir dann auf das Thema Depressionen und hierarchische Strukturen im Handwerk. Wir unterhielten uns angeregt und bemerkten eine ähnliche Einstellung, wenn es zur gesellschaftlichen Wahrnehmung des Handwerks kam. Ich fragte ihn eh sehr aus über seinen Beruf, ich fand es einfach spannend und vor allem anders.
Da er zu frieren begann, ja: er, kehrten wir dann doch ein und tranken abermals Bier. Ich hatte mir angewöhnt, mich für Dates zwar optisch zurecht zu machen, aber möglichst noch authentisch am Alltags-Ich zu bleiben.
Er nicht.
Hoffentlich.
Denn, er trug: eine Bluse.
Eine dieser sackartigen, samt-seidenen schwarzen Blusen, die man in erster Linie mit Künstlern wie Meat Loaf in Verbindung bringt. Die Bluse des Geistes war zwar sicherlich einige Größen kleiner, er war sehr schmal, doch schien sie nicht weniger exzentrisch an diesem sonst so bemüht-dezenten Mann. Zumindest hatte ich eher ein Bandshirt erwartet. Eher Grunge als Glam-Rock. Er hatte sich mit diverse Halskette geschmückt, wie man sie von EMP kennt und trug damit mehr Schmuck, als ich überhaupt besitze. Wir diskutierten und er bremste mich immer wieder aus, warf mir zu radikale Ansichten vor (was mich motivierte, noch provokanter zu argumentieren). Wir redeten über die selben Themen, aber rückblickend in unterschiedliche Richtungen und als würden wir einander gar nicht hören.
Als wären wir in unterschiedlichen schalldichten Räumen gewesen und hätten die jeweiligen Antworten immer nur geraten, statt sie zu verstehen.
Der Abend endete früh. Wir blieben auf der höflich-distanzierten Ebene, die er bemüht aufrechterhielt und ich bedankte mich brav für die gemeinsame Zeit.
Der Geist hatte sich selbst so sehr zurückgehalten, dass kein Profil entstand. Trotz interessanter Gesprächsthemen, trotz mehrerer Stunden Zeit, trotz Alkohol. Ein bisschen, wie eine schlechte Doku zu schauen: das Thema ist vermutlich interessant, aber die Informationen und Aufnahmen sind zu oberflächlich, zu angepasst, um emotional zu involvieren. Schon während der Verabschiedung vergass ich erste Dinge über ihn. Ein weiteres Treffen schien so abwegig, gerade zu unlogisch, dass ich gar nicht darüber nachdachte, dass er dies ja nun auch anders sehen könnte.
Er schickte mir eine mit dem Handy aufgenommene Audiodatei, die nur schwerlich als das Bass-Intro eines meiner erwähnten Lieblingslieder zu erkennen war. Er verhunzte es so sehr, es war geradezu beleidigend.
Er wollte sich also noch einmal mit mir treffen. Da ich möglichst fair mit meinen Mitmenschen umgehen möchte, schrieb ich ihm, dass ich leider nicht sehe, dass wir da selbe wollen und ich leider so gar kein Kribbeln hätte und nun ja, ich wollte ihn nicht wiedersehen.

Ich konnte mich kaum noch an ihn erinnern, er war einfach spurlos durch mich hindurchgehuscht.

Stimmen zählen

Stimmen transportieren so unglaublich viele Meta-Informationen; und je besser wir jemanden kennen, umso mehr Input bekommen wir. Sei es Anspannung, Freude, Unsicherheit, vielleicht sogar eine Lüge, die mit der Stimme verraten wird. Lernen wir neue Menschen kennen, haben wir noch nicht so eine tiefgängige Vorkenntnis; aber es ist wie mit dem Geruch, man muss sich riechen können, ergo auch hören können.

Ich lernte den Terrier auf einer Dating Seite kennen und wir unterhielten uns angeregt über Literatur und Wissenschaft, über Schaumbäder und Hunde. Er wohnte etwas weiter weg, sodass man sich nicht direkt treffen konnte. Die Nachrichten wurden schnell ausufernd lang und wir wechselten zu Emails und Telegram, parallel gab es auch noch postalische Kommunikation. Ein bisschen kitschig, aber auch mal anders.
Der Mann war keine Schönheit (muss er in meinem Buch auch nicht sein), und gerade das gewisse Etwas, die optische Macke, die Zahnlücke, die Segelohren, das Bäuchlein, die knubbelige Nase, irgendetwas Unperfektes, ist es für gewöhnlich, was mein Interesse weckt. Menschen, die zu schön sind, irritieren mich.

Neben netten Gesprächen über besagte Literatur und Hunde und so weiter, begann er mir ein Rätsel zur Lösung zu geben.

Ich hasse Rätsel.

Zumindest diese Art. Diese eigentlich rhetorische ‚Rate mal dies und das‘-Frage und dann kommt tatsächlich eine Pause. Und man muss raten. Was soll das?
Er deutete an, dass sein Kosename seiner Freunde für ihn an einen Disney-Charakter angelehnt sei. Äußerst männlich. Ich ging bewusst nicht weiter darauf ein. Manchmal sind mir Dinge für andere Menschen peinlich und unangenehm, man nennt das wohl Fremdscham. Ich empfinde das vor allem, wenn Dinge geschehen, die ich nicht mag und der andere es nicht wissen kann und ich dadurch negativ reagieren muss. Ich weiß nicht, ob das dann noch Fremdscham ist, oder schon wieder was anderes. Ich habe mal ein Jahr lang Bananen gegessen, weil es mir unangenehm war, zu sagen, dass ich Bananen nicht mochte. Ich kam einfach aus der Nummer nicht mehr raus und habe nach dem Jahr dann den Kontinent verlassen (aus anderen Gründen zwar, dennoch. Und ich mag jetzt Bananen.).
Das Ratespiel konnte ich nicht so leicht umgehen. Ich hätte natürlich den Kontakt abbrechen können, aber eigentlich war er ja auch ganz interessant. Ein Forscher aus einem seltenen Fachgebiet, sehr soziologisch angehaucht, sehr reflektiert, einfach interessant. Da musste doch menschlich auch etwas Interessantes zu finden sein.
Wir redeten über Gott und die Welt und immer wieder kam die Ratefrage auf. Ich hatte noch nicht einen einzigen Versuch gewagt. Nicht einmal reagiert hatte ich, vor Abscheu vor diesem Spiel. Wenn man sich gegenübersteht, erkennt man bei mir leicht, wenn meine Stimmung kippt. Meine Mimik gibt es her, ich kann sie kaum kontrollieren. Chattet man jedoch, sind die gesamten Meta-Informationen der Kommunikation verloren. Keine Stimme, keine Mimik.
Ich gab nach etwa 14 Tagen auf (er war sehr ausdauernd) und begann zu raten. Voller Widerwillen begann ich, Gegenfragen zu stellen. Aus welchem Disneyfilm der Name denn käme? Ob es das Dschungelbuch sei, oder Mulan beispielsweise (Forschungsgebiet mit Verbindung zu Asien). Die Filme waren falsch, ganz falsche Richtung (und ich war mir doch so schlau vorgekommen, dass ich soweit gedacht hatte) und verraten würde er es mir natürlich auch nicht einfach. Weiter ging es mit den Ausschluss-Fragen. Ob der Film nach 2000 erschienen sei. Ja. Ja, nun, das ist ja schon mal ein Anfang. Ich schaute die Liste der Disneyfilme, die nach 2000 erschienen waren auf Wikipedia nach und fragte mich durch. Keiner passte. Ich probierte die späten 1990er. Kein passender Film. Ich verspürte ein leichtes Rauschen in den Ohren.
Warum also weitermachen? Nun ja, das ist die Crux, so sehr ich auch das Raten verabscheue, noch weniger gern gebe ich auf und habe womöglich Unrecht. Dieses Phänomen kommt tatsächlich vorwiegend im Zusammenhang mit Ratespielen vor. Verbissen und wütend hackte ich auf meiner Tastatur rum, forschte, ob ich vielleicht eine unvollständige Liste hätte, etc.. Verlieren war keine Option. Und der Terrier hatte keine Ahnung, wie verbissen ich an dieser Aufgabe arbeitete. Andere wären ja auch ganz schnell darauf gekommen (ja super, das hilft). Ich fragte ihn also, ob er sicher sei, dass es ein Disney Film war (Pixar hatte ich wohlwissentlich schon mit einbezogen). ‚Also bisher hätten es alle (!) (wieviele arme Seelen mussten diese Höllenqualen schon durchleiden?) recht schnell gewusst, welcher Film und er würde nochmal kurz nachschauen, aber seit Jahren hätte niemand diese Information angezweifelt.
Es war natürlich kein Disney Film.
Es war eine völlig andere Produktionsfirma von Animationsfilmen. Ich raste vor Wut. Wie konnte es sein, dass dieses so zentrale Detail eine falsche Information war? Wie konnte NIEMANDEM aufgefallen sein, dass es KEIN Disney Film war? (gehen wir an dieser Stelle mal davon aus, dass es wirklich Freunde waren, die ihm diesen Namen gaben und er es sich nicht traurig aus den Fingern gesogen hatte). Wie ignorant die Menschen sind! Oh, es ist ein Kinderfilm? Muss Disney sein.
Ich kannte nun also den Titel des Films, ich hatte ihn auch vor etwa 15 Jahren gesehen und hatte kaum Erinnerung daran. Ich las also den Inhalt nach, schaute mir die Charaktere an und kam schließlich aufgrund der Fachrichtung seiner Forschung auf ‚Sidd‘. Vermutlich als Kurzform für Siddharta.
Ich bekam Sodbrennen von der emotionalen Erregung und der Wut, die weiterhin in mir loderte und dem Fremdscham, oder was immer es war, über diesen bekloppten Namen.

Der arme Mann konnte ja nichts dafür, dass ich solche Spielchen hasste, dass es das Schlimmste in mir hervorbringt.
Ich keifte ihn an (schriftlich), was denn das doch für ein Bullshit wäre, mich nach einem KINDERfilm suchen zu lassen, mit falschen Hinweisen und dabei hätte er doch einfach ‚Hesse‘ sagen können. Wer er denn denke, wer ich sei, dass ich eher einen Kinderfilm kennen würde, als große deutsche Literatur, über die wir ja auch regelmäßig geschrieben hatten (nicht über Hesse bisher, aber bitte!). Er hätte mich doch viel besser ‚testen‘ können, indem er nach Hesse fragte. Sein Versagen ein (wenn auch verabscheutes) durchdachtes, cleveres Spiel zu spielen, bereitet mir körperlichen Schmerz.
Die Summe aus Ratespiel-Wut, passiver Aggression und falschen Hinweisen liess mich den Chat für diesen Tag beenden wollen. Er merkte wohl, dass ich nicht so begeistert war und er entschuldigte sich mit einem seltsamen, ungewolltem soft-Nacktbild aus der Badewanne und einer Sprachnachricht.
Zugegebenermaßen, seine Chancen, damit wieder etwas gut zu machen, waren gering. Das Bild konnte ich nicht mehr ungesehen machen, es sprang mir förmlich entgegen, viel nackte, nasse Männerhaut. Jugendfrei, aber seltsam. Ein Buch bedeckte das beste Stück und die haarigen nassen Beine waren eigentümlich verdreht. Ich erschauderte kurz, vermutlich wegen der Überraschung über dieses Bild, Reste der Rate-Wut schoßen auch noch immer durch meine Blutbahn.
Die Sprachnachricht also noch.
Was konnte er schon Schlimmes sagen?
Nur Mut.
Hör es dir an.
Ich sprach mir selbst gut zu, setzte meine Kopfhörer auf und startete die Nachricht.

Meine Teetasse rutschte mir aus der Hand. Ein tiefes Schaudern erfasste mich und meine Brust zog sich zusammen, mein ganzer Körper reagierte auf diese Stimme! Völlig irrelevant, was er sagte. Als würde er stimmlich einen Nerv treffen und mich damit quälen wollen. Meine Kiefer pressten sich zusammen, mein Rücken krümmte sich, meine Arme verschränkten sich schützend vor meinem Körper. Eine körperlich manifestierte Abneigung gegen seine Stimme. So etwas hatte ich noch nie erlebt.
Menschen sind so eigen und so sind es Stimmen. Aber wie bei Gerüchen ist es so, entweder, man mag sie, oder man mag sie nicht. Man muss einen Menschen riechen können und aber auch gern zuhören. Seine Kadenz und Stimmmelodie war mir so zuwider, ich konnte es nicht in Worte fassen. Es nicht ertragen, es ein weiteres Mal zu hören und doch: ich war neugierig. War es die Rate-Wut oder die Stimme selbst die ich abstoßend fand? War es bedingt? War ich voreingenommen? War ich unfair?

Einige Zeit später versuchte ich es erneut, mit dem selben Effekt. Ein leichtes Sodbrennen, krampfiges Verkrümmen des Torsos, das Bedürfnis, den Körper und das Gesicht mit den Armen zu schützen. Seine Stimme war mir so unangenehm, berührte mich so peinlich und unerträglich, dass ich nie wieder eine Sprachnachricht an ihn sandte, aus Angst, er könnte mit einer solchen Antworten.

Warum aber überhaupt noch Kontakt halten, wenn doch so eindeutig ist, dass er einen solchen Effekt auf mich hatte? – Neugierde. Manchmal treibt sie uns dazu, Dinge zu tun und weiterzumachen, die gegen unser Innerstes gehen, nur um zu schauen, was passiert und wie lange wir durchhalten. Wieviel wir ertragen können.

Wie Gaffer bei einem Unfall.

Der Zauberer

Wir haben heute gefühlt 2 Millisekunden Zeit, jemanden von uns zu überzeugen. Viel länger dauert es nicht, ein Bild anzuschauen und sich zu entscheiden, zu welcher Seite man wischt. Lieber einmal zu viel gewischt, als aus versehen Kontakt aufzunehmen. So ist unsere Partnersuche heute gestrickt. Photoshop und krampfige Körperhaltungen.

Ich entschied mich gegen ein gestelltes Bild und für einen Fantasy-Dämon. Die inneren Werte zählen schließlich. Auch beim Online-Dating.

Wer aber ist mutig genug, sich darauf einzulassen?

Wie sich herausstellen sollte: Zauberer.

Der Erstkontakt im Chat verlief gut bis nerdig. Ein kurzer Austausch der Befindlichkeiten, ein kurzes Abchecken des Berufslebens, eine schnelle Entscheidung für ein Bier im Pub. Eine anschließende Diskussion über das Reisen zwischen Paralleluniversen sicherte einen gemeinsamen Grad an Individualität. Vielversprechend also, einen angenehmen Abend zu erleben.

Lief also.
Vor allem die Schweißperlen auf seiner Stirn, als er 5 Minuten zu spät mit dem Fahrrad vor dem Pub ankam.
Da er nicht wusste, wie ich aussehe (ein waschechtes semi-Blind-Date also) schlenderte ich auf ihn zu, um ihm Zeit zur Fahrradsicherung zu geben.
Er verbrachte unnatürlich lange mit seinem Fahrradschloß und ich konnte den ersten Blickkontakt und die sperrige Fahrrad-Schloss-Situation nicht mehr voneinander trennen.
Wie gern hätte ich ihm diesen Gefallen getan. Doch da lag der Schlüsselbund auch schon auf dem Boden – verlegene Blicke, seltsame Körperhaltungen (wie seltsam sich Körper um Fahrrad winden können…), und versucht-lässige Worte. Gefolgt von einem umständlichen Aufheben des Schlüssels.

Aus meiner anfänglichen, nervösen Aufregung wurde tiefe, fast schon meditative Ruhe.
Die Art von Ruhe, die man bekommt, wenn man in einer Prüfung sitzt und merkt, dass man es mehr drauf hat als der Prüfende (eine ewig-unerfüllte Traumvorstellung von mir).
Ich lehnte mich innerlich zurück. Atmete tief durch.
Welch Luxus, sich einfach mal fallen zu lassen, zu beobachten, ohne die eigene Wahrnehmung durch Adrenalin zu verfälschen. Herrlich.

Wir betraten den Pub nach einer schwitzigen Umarmung und einer halbherzigen Entschuldigung für sein Zuspätkommen. Na, immerhin hatte er es gemerkt.
Er zog unschlüssige Blicke durch den sehr leeren Raum, geradezu hilflos suchend nach einem Platz der passend war (es waren etwa 8 andere Menschen anwesend, inklusive Personal). Er dreht sich um, und bat mich, einen Platz zu wählen.
Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass an diesem Abend die Macht der Entscheidung auf diese Art auf mich übertragen wurde. Es fühlte sich so gar nicht nach einem gleichberechtigten, respektvollen Einbeziehen meiner Meinung an; es schwang eher eine subtile Hilflosigkeit mit. Meine offenbar verunsichernde Ruhe half ihm auch nicht gerade. Und ich sah wohl besser aus, als er erwartet hatte.
Ich entschied mich also für Tisch und Sitzplatz und wir bestellten unsere Biere, nachdem er unnatürlich lange in die Karte geschaut hatte. Verlegenheit. Panik. Ohnmacht. Alles war von seiner Seite ab hier möglich.

Gespannt beobachtete ich, wie er langsam runterkam und zu erzählen begann. Interessiert gab ich die gute Zuhörerin und wurde mit mittelmäßig Alltäglichkeiten belohnt. Nach etwa 5 Minuten engagiertem Monolog wurde mir klar, dass meine vornehme verbale Zurückhaltung anscheinend sehr motivierend wirkte.
Offenbar war ich nicht mehr ganz die unnahbare Eiskönigin für ihn, und war nun mit seiner sehr hohen Wortfrequenz in Schach zu halten. Und was ich nicht alles erfahren durfte in diesen ersten 90 Minuten Ansprache:
Kindheitserinnerungen, Familiendramen, Kollegenstories, das volle Programm. Inklusive Aussage wie: „Also mein Vater ist verstorben, das’ aber auch besser so. Mal ehrlich.“. Diese Aussage ist nicht nur ohne Kontext gruselig, sondern lässt auch rein mental tief blicken.
Ich bin kein Fan von Smalltalk, aber Seelenstriptease innerhalb der ersten 15 Minuten?
Nein, danke.
In einer Atempause, in der er sich einen Schluck Bier gönnte (kauen hielt ihn nicht vom Reden ab) ergriff ich die Gelegenheit und fragte ihn nach seinem ungewöhnlichen Vornamen. Ich erwartete eine umfangreiche, geradezu abenteuerliche Geschichte. Meine Vermutung war eine literarische oder historische Verbindung der Eltern nach Wales, zumindest eine Vorliebe für Geschichten, in denen walisische Zauberer vorkamen –
Nichts dergleichen. Seine Mutter hätte einfach den Namen gern gemocht. Er schien fast irritiert von meiner plötzlichen offensiven Kommunikation, die durch seine unspektakuläre Antwort jedoch schnell wieder auf ein Minimum reduziert wurde.
Während er also sprach und aß und trank, nippte ich an meinem Bier (ich hatte ja nichts zu tun, außer interessiert zu schauen, ermutigend zu nicken und wach zu bleiben).
Da ich nichts vertrage, hielt sich das alkoholische Ausmaß glücklicherweise in Grenzen. Zwei kleine Bier für mich, drei große für ihn und das Essen (ich esse nicht gern vor Menschen, die ich nicht kenne).

Endlich: Der große Moment kam.
Ich war so dankbar.
Die Servicekraft unseres Bereichs wollte abrechnen, ihre Kollegin würde gleich übernehmen. Der perfekte Moment, die Szene neu zu gestalten. Eine Möglichkeit für ihn zu Punkten und sich männlich zu fühlen; eine perfekte Möglichkeit für mich, wach zu werden, das Gespräch zu drehen, infinite Möglichkeiten.

Sie kam, sah und fragte ihn, explizit, durch Augenkontakt unverkennbar: ihn, die große Frage: „Geht das getrennt oder zusammen?“
Große Männer sind schon an dieser Frage gescheitert. FeministInnen sind sich uneins. Ganze Gesellschaften stehen im Clinch, wegen dieser einen Frage. Das Problem sind nicht die monetären Mittel (meistens). Das Problem ist die Message. Die soziale Kodierung der Handlung. Verbunden mit Konventionen und Erwartungen. Eine große Sache also.
Verlässlich, wie sich mein Gegenüber bisher gezeigt hat, löste sich sein Blick von der jungen Dame und wandte sich an mich: „Was meinst du denn?“. Die selten seltsamste Art mit dieser Situation umzugehen.
Konventionell hätte er gezahlt. Nicht nur wegen der ganzen gentleman-illusion, er hat auch mehr konsumiert. Seine Hälfte der Rechnung war deutlich höher. Seine Frage jedoch hat absolut ausgeschlossen, dass dies eine valide Option wäre. Es blieben mir nur zwei Optionen, ohne eine Szene zu machen. Getrennt zahlen, oder ich zahle alles. Zweiteres wäre seltsam gewesen, nicht, weil ich eine Frau bin, sondern weil mein Konsum geringer war. Getrennt also. Umständliches Herauspulen von Kleingeld seinerseits (ich möchte an dieser Stelle betonen, dass der Mann in Lohn und Brot stand. Es geht mir nicht darum, mein Bier nicht zu zahlen, mehr seine Art, die Situation zu handlen, war irritierend). Mein Trinkgeld war höher als seines. In absoluten Zahlen und Prozentual. Lächerlich.
Gefühlt fünf lange stille Minuten schwiegen wir uns an, dann, fragte er, ob wir Spazierengehen wollten. Naja, wenigstens frische Luft, und vielleicht würde sich durch das wechselnde Umfeld die Interviewsituation legen.
Nach umständlicher Debatte über die Fahrradmitnahme seinerseits (er hat es nicht mitgenommen) ging es Richtung Innenstadt und meinem Stadtteil. Angeschackelt wie ich war, hielt ich es für eine grandiose Idee, ihn zu meiner Begleitung nach Hause zu nötigen und ihn dann heimzuschicken. Zumindest in die Nähe meiner Wohnung, meine genaue Adresse wollte ich nicht offenbaren, er hat auch nicht gefragt.
Das Vibe-Level lag im absolut negativen Bereich, das Bier hatte nicht geholfen. Ich hielt einen grundsätzlichen Sicherheitsabstand von mindestens geschätzten 60 cm und hielt meine sehr warmen Hände in meinen Jackentaschen versteckt. Bloß kein Risiko eingehen. Mein betrunkener Kopf ist da manchmal sehr analytisch. An einem Punkt meinte mein Date jedoch, ungezwungen Körperkontakt aufbauen zu wollen. Welch naive Tat. Abgelenkt von mir selbst und den bunten Lichtern der Stadt rechnete ich nicht mit einer Berührung meiner Schulter, zuckte zusammen und machte einen Satz von ihm weg. Totaler Abstand nun etwa 1,20 m. Verlegene Blicke, kontinuierliches Monologisieren von ihm. Wir waren mittlerweile beim Inhalt seiner Diplomarbeit angelangt. Gute Güte, für sowas bekommt man also einen Abschluß. Er schien kein Ende zu nehmen. Ich döste im Gehen weiter vor mich hin und blieb schließlich an der Bahnstation stehen, die noch irgendwie sinnvoll nah an meinem Wohnhaus lag (etwa 15 Gehminuten).
Worte können nicht beschreiben, wie dankbar ich war, dass er den Wink verstand. Der Abschied verlief ähnlich umständlich, wie es mit der Begrüßung begonnen hatte. Ich drehte mich um, zog meine Kopfhörer aus der Tasche und Schritt gen Heimat. Kein Wort von ihm, ob ich es weit hätte, wo ich hinmüsste (wir waren an einem Ort, an dem eindeutig niemand wohnt), oder ein floskeliges ‚Komm gut heim.‘. Nichts dergleichen.
Ich war gar nicht da für ihn.
Er hatte mir exakt zwei Fragen gestellt im Laufe des Abends. Wo wir sitzen, und wer zahlt.
Abgesehen von seiner Hand an meiner Schulter hat mich dieser Mensch nicht berührt. Er schien nett, etwas unsicher und mit einem etwas seltsamen Humor. Aber grundsätzlich rechtschaffend gut.
Er wird sein Gegenstück finden, da bin ich sicher. Meine Ohren sind jedoch nicht belastbar genug.
Und auch, wenn er wohl begeistert war von meiner entspannten Art zuzuhören, so hat er mich doch leider so gar nicht verzaubert.