Friends. No Benefits. Pt.1

Frauen und Männer.

Das ist so eine Sache für sich.

Also beide quasi.

Und für meine Geschichte ist es auch egal, warum wir unterschiedlich ticken, und ob das biologisch ist, oder hormonell oder sozial anerzogene Gender-Stereotype. Worauf ich hinaus will ist: platonische Freundschaft zwischen Männern und Frauen ist schwierig. Auch wenn man nicht mehr in der Pubertät ist. Und jeder hat sie, die Geschichten über den besten Freund oder die beste Freundin, die dann irgendwann mehr wollten und man nicht mehr befreundet sein konnte. Oder man war selbst verliebt. Es endet meist ähnlich, die Freundschaft ist vorbei. Und alle verlieren dabei. Denn meist will einer der Menschen keine Liebesbeziehung.
Mir ist der ganze Schlamassel post-pubertär bereits zweimal geschehen. Und trotzdem würde ich das Risiko immer wieder eingehen.
Das erste Mal war unsagbar traurig. Und wie ich später erfahren durfte, war ich ziemlich naiv gewesen. Ich lernte den Kanadier in der Einführungswoche in der Uni kennen. Wir verstanden uns gleich gut und hatten den gleichen fies-sarkastischen Humor und waren überheblich ohne Ende. Und gemeinsam macht das einfach am meisten Spaß. Wir belegten die gleichen Kurse und Seminare und saßen immer nebeneinander. Er wohnte allein etwas ausserhalb und ich brachte ihm manchmal Käsebrote mit. Trivial irgendwie, aber Essen verbindet. Und da ich zu der Zeit noch bei meinen Eltern wohnte, hatte ich immer einen vollen Kühlschrank zu Hause und machte morgens einfach ein Brot mehr. Oder er bekam einfach meins.
Wenn wir mal nicht über unsere Kommilitoninnen lästerten oder gehässige Kommentare über die Dozierenden abließen, redeten wir auch viel ernsthaft. Manchmal gerieten wir aneinander, hatten verschiedene Ansichten, aber deswegen sauer zu sein oder nicht mehr zu reden stand nie zur Debatte. Und wir waren flirty. Wir schwelgten in einer Wolke aus selbstbesessener Arroganz und bestätigten uns pausenlos, dass wir besser waren, als die anderen. Wir überhäuften uns mit Komplimenten und flirteten, wie man es nur tut, wenn man sich seiner Selbst absolut sicher ist. Ich hatte zu der Zeit einen festen Freund und die Grenzen waren klar.
Bis alles anders kam. Der Kanadier gestand mir, dass er Gefühle habe für mich, die über eine Freundschaft hinaus gingen. Ich war gerade in der Trennungsphase von meinem Freund. Nicht nur, dass der Zeitpunkt also denkbar ungünstig war, es verletzte mich zutiefst. Ich fühlte mich verraten. Unser unausgesprochner Pakt, sich nicht zu verlieben war gebrochen worden. Ich sagte ihm, dass ich ihn nicht als Freund verlieren wollte und das eine Beziehung vermutlich in der gegenseitigen seelischen Zerfleischen enden würde. Wir hatten beide unseren Packen an psychischen Probleme zu tragen und hätten uns wahrscheinlich sehr enttäuscht.
Wir hielten ein wenig Abstand aber fanden schnell wieder zueinander, in alter komplimentierender Form. Es hatte sich nichts geändert und wir sprachen nicht mehr davon. Ich dachte, es würde schon vorbeigehen und wir könnten es einfach aussitzen. Leicht gesagt für mich. Für den Kanadier stellt sich das Ganze anders da. Er malträtierte seine Freunde mit seinem Leid und ich bekam nichts mit davon. Und wenn, dann tat ich es ab, die Zeit würde das schon richten und ich war mir keiner Schuld bewusst.
Wie es so kommen sollte, trennten sich unsere Wege dennoch mit der Zeit, wir hatten weniger Kurse zusammen, ich hatte einen neuen Freund. Die beiden mochten sich nicht sonderlich, nicht nur meinetwegen. Aber machen wir uns nichts vor, ich habe definitiv meinen Teil beigesteuert. Nicht meine glorreichste Stunde.
Der Kanadier wechselte für den Master die Uni und war nun vollends aus meinem Alltag verschwunden. Höchstens ein paar Mal im Jahr schrieben wir ein paar Nachrichten, zu Geburtstagen, wie man das halt so macht. Das schnelle Abfragen von Befindlichkeiten und Lebenseckdaten im Schnelldurchlauf.
Vor Kurzem hat sich der Kanadier wieder bei mir gemeldet. Diesmal ohne offiziellen Anlass. Einfach so.
Und ich hab mich gefreut und wir telefonierten und es war nett und komisch und es war deutlich zu merken, dass wir erwachsener geworden sind und nicht mehr die arroganten Studierenden, die denken, die Welt läge ihnen zu Füßen. Als wir die Eckdaten des Anderen abgefragt hatten, stellte mir der Kanadier sehr ernst einige Fragen:
Warum ich damals nicht mit ihm zusammensein wollte.
Wieso ich dann einen anderen Freund gehabt hatte.
Weshalb ich trotz seiner (zugegebenermassen sehr schwierigen) Konflikte mit anderen Studierenden immer zu ihm gehalten hätte.
Wieso wir so auseinandergegangen waren.
Und ich konnte es ihm nicht beantworten. Nicht direkt.
Witzigerweise habe ich einige Mal darüber nachgedacht, was wohl gewesen wäre, wenn wir damals eine Beziehung gewagt hätten. Ob wir es jetzt noch zusammen wären, knapp 7 Jahre später. Wie sehr es wohl eskaliert wäre? Wie dramatisch wäre die Trennung geworden?
Meine Theorie ist, dass wir nicht sagen wollen, weshalb wir keine Beziehung mit jemandem haben wollen, weil es ein definiertes gesellschaftlich manifestiertes Missverständnis gibt, was Liebe und Freundschaft angeht.

Nur Freundschaft ist die Liebe zweiter Klasse.

Als wäre es ein quantitativer Unterschied, ein zwei Stufen-Modell, indem die Liebe hierarchisch deutlich oberhalb der Freundschaft liegt. Denn bei Liebe hat man Gefühle füreinander. Und an dieser Stelle werde ich wütend, denn das würde unterstellen, dass alle Menschen in meinem Leben, mit denen ich befreundet bin, im Prinzip keine Rolle spielen und ich keine Gefühle für diese Menschen hätte. Es ist schlimm genug, dass wir selbst die Begriffe trennen und natürlich verstehe ich, dass bei einer Liebesbeziehung klassisch die Körperlichkeit dazugehört, die bei Freundschaften nicht immer gegeben ist. Mittlerweile muss ich allerdings sagen, dass sich dies bei mir auch nicht immer so klar trennen lässt. Was sind also diese Gefühle, von denen dort gesprochen wird. Inwiefern sind sie anders als die freundschaftlichen. Ich will hier nicht das Konzept Liebe in Frage stellen. Ganz und gar nicht. Vielmehr versuche ich zu verstehen, was der Unterschied ist. Obwohl ich ihn selbst schon emotional durchlebt habe, kann ich es nicht direkt in Worte fassen. Die ersten Ideen, die mir kommen sind so etwas wie Geborgenheit und Sicherheit und Bedingungslosigkeit (steht das nicht im Widerspruch innerhalb einer klassischen Paarbeziehung? Kann man bedingungslos lieben?), ist es die Zugehörigkeit? Ist es etwas, was uns beigebracht wird? Etwas das sozial konstruiert in unsere Köpfe und Herzen gemeißelt wurde und wir kommen da einfach nicht raus? Sind es diese sozialen Führstricke, die uns Orientierung im Leben erlauben? Tut uns das gut?
Eine Beziehung ohne eine Freundschaft kann nicht klappen.

Und wer mich kennt, weiß, ich hab‘ es versucht.

FreundInnen dürfen so viel mehr als PartnerInnen, dass es irgendwie widersprüchlich ist, die Liebe höher einzustufen. Verzeihen fällt leichter. Es ist möglich, Abstand zu nehmen und sich wieder neu zu begegnen.
Eine Liebesbeziehung ist wie ein Gummiband, dass straff gespannt ist, und wer das schonmal gemacht hat, weiß, dass das Gummiband rissig wird und spröde, je länger es so gespannt bleibt. Passiert etwas, dass die Beziehung erschüttert, reißt das Band. Man kann es zusammenknoten, Hilfsmittel nutzen und es über einer Flamme zusammenschmelzen (stelle man sich nur mal den metaphorischen Schmerz an dieser Stelle vor, und die Gewalt, die dort passiert). Die Freundschaft ist auch ein Gummiband. Aber es ist nicht gespannt. Es lässt sich dehnen und schnellt zurück wenn es gespannt wurde. Es ist natürlich nicht unendlich dehnbar und kann durchaus reißen.
Aber es hat mehr Spiel.
Und es muss schon eine ganze Menge passieren, bis es reißt. Und dann kann man es immer noch reparieren und flicken. So betrachtet, ist die Freundschaft zu einem Menschen so etwas wie der Heilige Gral unter den sozialen Beziehungen. Entsteht aus einer Freundschaft eine beidseitige romantische Liebe, ist sie so gut wie unzerstörbar.

Was macht das mit meinem Kanadier? Nun, wie es aussieht, hatten wir es damals geschafft eine Freundschaft aufzubauen, die sich auch nach langer Zeit des Dehnens wieder in Position zieht. Wir hatten viel daran gezerrt und so manchen Riss überwunden.
Jetzt, wo er wieder da ist, bin ich gespannt, wie es weitergeht. Das Schöne ist, egal, wieviel Zeit vergeht und wie sehr wir jeweils von unserem Leben abgelenkt werden, ich bin zuversichtlich, wir finden immer wieder zu einander.

 

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Great Expectations

1 Tag, 24 Stunden, 1440 Minuten, 86400 Sekunden.

Wie auch immer man Zeit angeben will, sie ist für uns alle gleichlang. Was sich unterscheidet, sind unsere Gewohnheiten, individuelle Bedürfnisse, Lebenswege, und Prioritäten.
Vor ein paar Wochen wurde ich mit dem Konzept konfrontiert, dass ‚keine-Zeit-haben‘ eigentlich Quatsch ist. Denn, es haben ja alle die gleichen 1440 Minuten am Tag. Es ist doch eher so, dass wir individuell unterschiedliche Prioritäten setzen und daher unsere Zeit anders nutzen möchten. Eine Aussage wie: „Ich hab keine Zeit für dich“, heißt also eigentlich eher: „Ich habe andere Prioritäten als dich“.
Das mag sich nicht immer toll anfühlen. Aber wenn man mal ein wenig in sich geht, ist es gut nachvollziehbar. Es gibt Situationen, da ist man schlichtweg nicht wichtig für andere. Und das ist auch gut so! Es ist doch irgendwie schlimm, wenn jemand einen seltenen Besuch von Person A nicht wahrnehmen würde, weil ein viertes Treffen in der selben Woche mit Person B sonst flachfallen würde. Oder die wöchentliche Zeit-für-mich (Sport, Meditation, Schreiben, Hobbies, etc.) immer wieder ausfallen müsste, weil Andere mehr Priorität haben. Was wenn man seine Familie oft sehen möchte, oder auch mal nicht. Ist das egoistisch? Oder gutes Management? Unser ganzes Leben besteht aus Entscheidungen: was ziehe ich an, was esse ich, wohin gehe ich, wann stehe ich auf, wie oft dusche ich am Tag, mit wem rede ich, was kaufe ich ein (und löse mit diesen Entscheidungen wahnsinnig viele andere Prozesse aus), welche Transportmittel nutze ich (ich will nun ganz sicher nicht noch von diesen globalen Folgen anfangen). Entscheidungen, Entscheidungen, Entscheidungen. Und wir sind mitten drin und setzen Prioritäten.
Oftmals werden Entscheidungen als Streß empfunden. Und ich weiß nicht, ob es am Zeitgeist liegt, oder an meinem Alter, meinen Erfahrungen bisher im Leben oder der Digitalisierung. Oftmals werden Entscheidungen mit Erwartungen gekoppelt und ab da wird es sozial vertrackt. Wären Erwartungen nicht Teil der Gleichung, so wären Entscheidungen ein ziemlich rationales Geschäft. Ein nüchternes Pro und Kontra. Eine Liste, die wohl die meisten Menschen schon mal gemacht haben. Und Teil diese Liste ist in den meisten Fällen die Befindlichkeit der anderen Menschen. Also die Erwartungen, die andere von uns haben.
Bei den hunderten von Entscheidungen jeden Tag beziehen wir unsere Mitmenschen mit ein, mal mehr, mal weniger. Und ab hier wird es richtig chaotisch. Jede an der Situation beteiligte Person hat Erwartungen und handelt so, dass es den bestmöglichen Outcome für sich selbst gibt (je nach Priorität der Situation für das Individuum). Gehen wir mal von einer demokratischen Gesellschaft aus, sodass Kompromiss durchaus die ideale Lösung sein kann. Aber Zeit ist kompromisslos manchmal. Aufmerksamkeit auch.

Ich habe neulich bei Tinder einen Mann kennengelernt und die ersten Nachrichten waren nett und unkompliziert. Da mich die Rhetorik der ersten Nachrichten meist eher langweilt (es ist ja doch immer der gleiche smalltalk, denn es zu überwinden gilt, um richtig ins Gespräch zu kommen. Man kennt sich schließlich überhaupt nicht.), hatte ich schnell ein Treffen vorgeschlagen. Diese Entscheidung (!) habe ich getroffen, da der Nutzen, ganz rational betrachtet, bei einem Treffen größer ist. Denn auch wenn das Schreiben vorher nett ist, kann es sein, dass man sich gegenübersteht und einfach nur NEIN denkt.
Folgende Entscheidungen sind bis zum ersten Treffen mindestens gefällt worden:
* wischt mein Finger nach links oder nach rechts
* schaue ich mir das Profil in Ruhe an, bevor ich wische, oder wische ich einfach.
* Oh, ein Match! Suche ich weiter oder schreibe ich dem Menschen direkt?
* Schreibe ich zuerst? Oder warte ich? Aber wie lange?
* Gesetzt ich schreibe zuerst: Gebe ich mir Mühe? Benutze ich Standardphrasen, die mich nicht weit bringen, aber den Anfang machen für etwas, was vermutlich nicht sehr fruchtbar sein wird, weil ich mir nicht mal die Mühe mache, etwas individuelles zu schreiben?
* Kriege ich eine Antwort von Person B?
* Halte ich das Gespräch aktiv am Laufen? Stelle Fragen? Bin aufmerksam?
* Initiiere ich ein Treffen?
* An welchem Wochentag? Lasse ich etwas anderen dafür ausfallen (Priorität!)?
* Um welche Uhrzeit? (abends kann suggestiv sein, morgens aber auch, wie lange plane ich ein?)
* Was für eine Aktivität plant man? Essen? Trinken? Spazieren gehen? Draußen, drinnen? Alkohol? Tee? Kaffee? Frühstück? Kino? Theater? Museum?
* usw.

Es ist erschreckend und ernüchternd, dass wir so viele Entscheidungen treffen und mittlerweile mit einem gewissen Kalkül, vor allem im Kontext Dating. Aber irgendwie liegt es auch in der Natur der Sache, bzw. den Wegen, die wir heute nutzen, um jemanden kennenzulernen.
Einerseits leben wir in einer Gesellschaft, in der Effizienz und Rationalität als etwas erstrebenswertes gilt. Multitasking, immer überall dabeisein (Prioritäten!), alles mitbekommen und immer erreichbar sein. Und gleichzeitig wird uns eine romantische Idee verkauft. Nämlich, dass trotz all dieser rationalen, zumeist digitalen Entscheidungen am Ende eine Emotion steht. Und zwar für beide. Möglichst die selbe.
In diesem Prozess muss erst einmal das Produkt getestet werden. Vor einem persönlichen Treffen ist man Selbstmarketing ausgesetzt. Jede und jeder verkauft sich so gut es möglich ist. Je nach Priorität. Und diese Phrasen und Floskeln lassen sich erst hinterfragen und wirklich verstehen, wenn man sich erlebt. Im echten Leben. Und dazu kommen nun die Erwartungen, die sich aus den Prioritäten der Vorentscheidungen ergeben. Hoch Komplex. Irgendwie faszinierend, dass sich all das in ein fester Format zwängen lässt und ergibt, dass sich Menschen tatsächlich treffen.
So kam es nun, dass ich mich mit Person D traf. Ein gemeinsamer Spaziergang an einem belebten Ort, unter der Woche, abends (Sicherheit durch andere Menschen; ‚freien‘ Abend hergegeben; frühes Ende, da Arbeit am nächsten Tag). Das Treffen verlief sympathisch und nett, was Humor angeht, mussten wir uns ein wenig aneinander herantasten, aber am Ende des Treffens stand eine weitere Verabredung.
Während des ersten Treffens bereits sagte ich Person D, dass ich oftmals länger brauche, um auf Nachrichten zu antworten. Das sei nichts Persönliches, einfach eine Tatsache. Es ginge auch nicht um tagelang Funkstille, aber manchmal dauert es einfach, bis ich mir die Zeit nehmen kann und will. Ich mag nicht (oder habe die Entscheidung getroffen) dauernd auf mein Telefon schauen, ich möchte mich auch gern auf Menschen konzentrieren, wenn ich sie sehe. Er würde es ja sicherlich auch als unhöflich empfinden, wenn ich während des Spaziergangs Nachrichten an andere Menschen geschrieben hätte.

Alles kein Problem. Bis nach dem zweiten Treffen (am Wochenende!, mehr Zeit!, heilige Freizeit!).
Während des zweiten Treffens fragte mich Person D, ob ich Lust hätte, am folgenden Wochenende einen Tag ans Meer zu fahren mit ihm. Nach zwei Treffen, die schön aber (für mich) nicht aussagekräftig genug waren, um eine Entscheidung für ein solches zeitliches Engagement zu treffen, eine große Frage. Ich sagte, ich würde es mir überlegen  und im laufe der Woche Bescheid geben.
Am nächsten Tag (Montag) schrieben wir kurz, jedoch nicht zum Thema Meer. Am Dienstag hatte ich Besuch (Prioritäten) und ließ mein Handy ungeachtet im Regal liegen. Wie konnte ich nur. Als ich mir am nächsten Tag die Rage-Nachrichten von Person D durchlas, war ich fassungslos. Er warf mir tatsächlich vor, ich würde mir ja nicht mal die 30 Sekunden nehmen, ihm zu Antworten und zwei Tage auf eine Antwort für den Meer-Tag zu brauchen, sei eine klare Aussage von mir.
War es auch. Ich hatte andere Prioritäten. Ich habe in der Zeit Menschen gesehen, die mir bereits wichtig sind (was er ja potenziell hätte erreichen können, aber nicht nach zwei Treffen und einer etwas überdimensionierten Planung, gemeinsam ans Meer zu fahren). Ich habe nicht neben meinem Handy gesessen und auf Nachrichten von ihm gewartet. Wie kann ich denn auch jemandem, der nichtmal weiß, wie ich mit Nachnamen heiße, die gleiche Priorität geben, wie Personen, die mir bereits wichtig sind.

Seine Erwartung war eine Andere. Er wollte bedingungslose Aufmerksamkeit ab der ersten Nachricht. Und wenn es sich für mich richtig angefühlt hätte, wäre das vielleicht sogar passiert.

Meine Erwartung war: wenn es gut läuft, dann wird sich meine Priorisierung verschieben. Den Kontakt wachsen lassen und sich langsam einen Weg in mein Leben bahnen lassen. Er wollte alles oder nichts ab der ersten Entscheidung.
So ist man halt verschieden und geht nun wieder getrennte Wege.

Groll ihm gegenüber empfinde ich nicht, da haben andere Menschen und Dinge gerade eine höhere Priorität.

Words are Weapons – Bilingual cross-cultural Flirting

Language and communication have many levels and layers that are complexly intertwined. But don’t worry, this is not going to be a dry essay on linguistic semantics. It’s rather thoughts on how our culture influences our choice of words and how it influences the way we READ language. Not just culturally but also individually, depending on your life experience, character and interest, your mood and what you ate that day, your health and stress level and so many other aspects. It’s shockingly amazing people can actually use a code (or language in form of spoken or written word) to communicate and indeed get the meaning that was intended. Not just the content but meta information by analyzing the tone and voice, the facial expressions and the body language. How awesome is our brain to do all that work within nano-seconds.

But back to dating. That’s what this blog is about. Meeting new people, reflecting about social encounters and the life lessons we can draw from it, as tiny as they might be.
I met the man about eight months ago online. His profile on an international platform was detailed and an interesting read about his life in Oregon. His profile said he planned on moving to Germany and was organizing the move at the time. We matched (weird online-dating lingo) and right from the start we just clicked. Even though we were chatting our messages were ridiculously long and well written. I enthusiastically looked up lots of vocabulary to up my language game and avoid misspellings. I wanted to impress him and accurate wording seemed to be something he appreciates. His situation was complicated at the time, he had been divorced a couple of months before, working two jobs with crazy hours and he was a writer. The Writer had once started college but had to drop out at some point due to personal reasons. He felt underachieved and therefore the plan to move to Europe, start fresh, go to University and get that degree. He sent me some pieces of his writing and I enjoyed discussing his work with him on an academic level that usually feels like a chore to me. It was fun arguing with him. We switched to WhatsApp to chat and started leaving voice messages. And when we talked on the phone for the first time I got laughably nervous. My voice was shaky, my language level went down to a solid A2 and I felt like being in a surprise oral exam. I found the basal words to tell him about my anxious state and his reaction was just perfect. He kept on talking, telling me all kinds of stories that only required me to listen and produce sounds of acknowledgment. After a while, I calmed down a bit, started talking and guess what? I didn’t sound like 4th-grader anymore and my choice of words got more accurate with every minute. We talked for solid four hours. Two weeks later we talked again for seven (in digits: 7 ! ) remarkable hours.

Being from two different cultures (as similar as they might seem) led to some interesting talks and language analysis. We even read linguistic articles about the different linguistic aspects and semantic differences. While talking we had hardly any communicative problems in terms of understanding the content. In some moments though, something felt off. After some weeks we unlocked a new level and started flirting. I have never really flirted in English and I definitely lack feisty phrases, which is my way to go in German. So weird compliments were my path of choice and as a German, I like them to be precise and personal. I feel like Germans compliment rather considerately and deliberately, revealing affection by showing that you paid attention and took the time to make it personal. Which might be the reason Germans compliment each other rather scarcely. The American way however, is rather blunt and mostly consists of the adjectives ‚nice, good, beautiful, pretty and great‘ (Wolfson : 120) and the verbs ‚like and love‘ (Wolfson : 122). One can distinguish between pragmatic compliments (praising someone’s abilities rather than using a fixed set of words) and the adjectival compliment. Americans use compliments generously in quantity, which is irritating for non-native speakers. While the Writer thought he was being nice and ending his messages with ‚You’re pretty‘, I got slightly pissed for his superficial statement, when we had just discussed international politics a minute before. In that particular situation, it would have been so easy to just say that it was fun to debate with me. But prettiness seemed so random and redundant (he said it in almost every message). So thanks to linguistic scholars who do corpus research I learned that this is a major difference between our cultures. Thank you for that! Yay Academia!
Another story on cultural misunderstandings:

I’m still active on that dating website and some guy messaged me, saying that I looked expensive and whether I wanted to go out with him (he was an American who stayed in my hometown for a trade fair thing). I was appalled. How could he assume I was a prostitute/escort or whatever! I left him a snarky comment and closed the thread. Later I told the Writer about it and he enlightened me on American hillbilly hit on phrases (his words, not mine). The trade-fair-guy was indeed implying, that I was a woman that liked expensive things (I have no idea how he could think that from my profile) and likes to get expensive gifts and go to fancy restaurants. Basically: my sole goal in life is finding a rich guy to pay for my extravagant needs. I can’t even phrase this neutrally, I still don’t get, how that is supposed to be a complimentary message. But it occurs, that this is a legitimate way to hit on a woman in the States. So, sorry Mr. Trade-Fair-Guy, I got offended by something that is offensive. Oh, wait. No matter his intentions, his choice of words and not reflecting on what he wrote made him instantly unattractive to me.
I like to be accurate with my wording. English is my second language and I know one will always hear my accent and know I’m German simply from my long run-on sentences. And with the Writer I felt like I found someone who shares this appreciation of language.
While I think the Writer is, due to his passionate profession, reflective on a language level, he still uses phrases that make me cringe. I wonder what it feels like to use verbs as ‚to harass‘ in a flirty-sexual context and think this is ok. Nothing about harassment is sexy. And it’s nothing ‚I can or cannot handle‘. It’s something I should not have to handle in the first place. I get how it works within the language, but the connotation is politically so wrong, I don’t even know where to start. I don’t think he is a misogynic ass, I didn’t think the trade-fair-guy was. But this is just wrong.
It’s cultural difference and a certain level of ignorance, plus lack of awareness. The privileged standpoint of a white western man. Words can cut like knives, and while the Writer thought he was flirting with me, I was hurt. By his inconsiderate remark. His unreflected statement. His use of violent language in a way, that makes sexual abuse, harassment and rape something, that can be legitimately used in a flirty or even innocent context. It’s not. It’s never ok. No matter what your cultural background is.
There are heated discussions in Germany about Gender Equality in language and how words can suppress minorities. I realize that the English language works differently in these matters and the reproduction of discriminatory stereotypes occurs on other levels. Still, it is highly implemented in everyday phrases, figures of speech and idioms. Being reflective enough to realize and rephrase these statements requires an intrinsic will and education to do so.

Never forget: words are weapons and language can be violent. So, be aware, reflect and use your empathetic brain every once in a while.

Change the world, word by word.

 

Sources:
Wolfson, Nessa – Compliments in Cross-Cultural Perspective
TESOL Quarterly, Vol. 15, No. 2 (Jun., 1981), pp. 117-124

(and I realize how weird it is to quote here, but it didn’t feel right not to.)

Blumenstuhl

Dies ist das Ergebnis eines 40-Minuten-Schreibprojekts. Eine Story, drei Enden. Keine Überarbeitung.

Setting: Mitteleuropäischer Industriestaat.

Es war einmal…

Mr-T kam im Sommer nach H und Miss-L verliebte sich Hals über Kopf in ihn, warum, weiß niemand so genau, denn er war sehr eigenartig und ein Klugscheißer. Vielleicht sah sie sich selbst in ihm. Dennoch, alles war ganz wunderbar, bis Mr-T herausfand, was die Wirkung von Blumen auf Frauen wirklich ist. Nicht nur, dass es eine sehr alte romantische Tradition ist, seiner Angebeteten Blumen mitzubringen, es hatte auch eine ganz besondere Wirkung auf Miss-L. Während sie sonst eher ihre Gefühle für sich behielt, wurde sie, nachdem sie Zeit mit ihren Blumen verbracht hatte immer entspannter und offener. Sie sprach mehr, erzählte mehr von sich, war fröhlicher und ließ ihren emotionalen Schutzwall bröckeln.

Mr-T sah was geschah, wenn er seiner Liebsten Blumen schenkte und er beschloß, dass dies die beste Version seiner Auserwählten sei und dass er diesen Zustand so häufig und dauerhaft wie möglich erleben wollte.

War sie weit entfernt von Blumen, so geschah es, dass sie weniger weichmütig wurde und unzufrieden und laut ihre Meinung äußerte. Er begann schnell einen ausgeklügelten Blumenversorgungsplan aufzustellen. Und so kam es, dass Miss-L immer frische Blumen um sich hatte, um sie zu betrachten. Nun ist es aber so, dass der Zauber der Blumen nur kurzfristig magisch und anregend wirkt und schnell wurde aus Miss-L eine eigentümliche Person. Nicht mehr offen, nicht mehr lustig und experimentierfreudiger [ 😉 ], sondern couchig und verfressen tilgte sie ihr Dasein. Ohne Freude und Antrieb dümpelte sie im Schloß herum [natürlich wohnen die in nem Schloß, dass fängt ja auch mit ‚Es war einmal‘ an, Genre-Treue beim Schreiben], betrachtete ihre Blumen und fand doch so gar keine Leichtigkeit und Freude mehr daran.

Ende A)

Mr-T sah dies leider nicht mehr, denn er war bereits weggelaufen, zu jemandem, der auch ohne Blumen entspannt und offen war. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann betrachtet Miss-L ihre Blumen noch heute, einsam im Schloß…[aber hey, im SCHLOSS!]

Ende B)

Mr-T sah was mit seiner Liebsten geschah und suchte eine der Hexen auf, die im nahegelegenen Wald hausten. Er schilderte seine missliche Lage, war er doch so verliebt gewesen fühlte er nun seine Affektionen schwinden. Was sollte er noch tun, um Miss-L glücklich zu machen, er brachte ihr immer frische Blumen, war immer verfügbar und bekochte sie mit den besten Speisen. Die Hexe lachte hämisch und reichte Mr-T einen leuchtend grünen Zaubertrank in einem kleinen Glasfläschchen. ‚Wann und wie soll ich das meiner holden Miss-L verabreichen, damit sie wieder normal wird?‘ – Doch die Hexe lachte wieder: ‚Du Dummkopf, das ist nicht für Miss-L, dass musst du selbst trinken. Nimm es gegen Abend und nur einen kleinen Schluck. Du wirst schon sehen,was geschieht‘.

Mr-T lief zurück zum Schloß, wartet bis die Abendstunden kamen und trank einen kleinen Schluck des giftgrünen Gebräus. Seine Liebste hatte bereits den ganzen Tag ihre Blumen betrachtet und war sehr entspannt und erholt, ihre Launen waren sehr tagesformabhängig.

Während sie also gut drauf war und gern Zeit mit ihrem Prinzen verbringen wollte [in a sexy kinda way 😉 ], wurde ihm ganz anders. Er sah ihre Schönheit und was er aus ihr gemacht hatte. Es wäre völlig ausreichend gewesen, ab und an mal ein wenig gemeinsam Blumen zu betrachten. Er erkannte, dass es auch nicht die Blumen waren, die sie so positiv beeinflusst hatten, sondern er. Doch mit seinem dusseligen chauvinisten Gehabe hatte er ihr alle Chancen der Welt genommen und nun war sie nur noch selten die Miss-L, in die er sich verliebt hatte. Lag es am Hexentrank, dass er dies nun erkannte? Konnte er seine Liebe noch retten, oder war sie für immer verloren?

Ihm wurde schwindelig und während er ohnmächtig wurde, füllte er einen harten Schlag gegen seinen Kopf. Mit einem Stuhl. Außerdem hatte die Hexe ihn geroofied.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so lebten nun die Hexe und Miss-L zusammen im Schloß, betrachteten gemeinsam ab und an Blumen und waren glücklich und gleichberechtigt bis an ihr Lebensende.

Ende C)

Miss-L erkannte, dass sie nur gefügig gemacht wurde und trat Mr-T ins Gesicht, mit einem Stuhl. Wenn er sie nicht so lieben konnte, wie sie wirklich war, kratzbürstig und schroff, mit einer eigenen Meinung, Zielen im Leben und dem Bedürfnis nach Freiraum und Privatsphäre, dann konnte er ihr gestohlen bleiben. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann betrachtet Miss-L noch immer ab und zu ein paar Blumen, doch nach ihren eigenen Vorstellungen und Bedingungen. Mr-T hatte den Stuhl leider nicht überlebt.

Girl Power – I tell you what I want.

Wir leben in einer aufgeklärten Gesellschaft, einer durchmischten Ansammlung von Individuen. Mit individuellen Bedürfnissen und Wünschen. Eigenen Lebensentwürfen und Ideen. So individuell wir sind, so haben wir doch gemeinsame Bedürfnisse. Allgemein gültige Regeln, an die wir uns halten und Konzepte, die wir leben wollen. Das nennt man wohl Normen. Dazu kommen die Werte, die man teilt. Das man einander nicht schadet und zusammen statt gegeneinander lebt. Egal, wo die anderen Menschen herkommen, welcher Religion sie sich zugehörig fühlen, wieviel Geld sie haben, egal, welches Geschlecht sie haben.
Gesellschaft wandelt sich, ist in ständiger Bewegung. Und manchmal wollen wir einfach, dass sich Dinge geändert haben, damit der Kampf und Einsatz dafür nicht umsonst erscheint. Oder um Geld zu verdienen. Eine hau-Ruck Veränderung, die vor allem durch die infiniten Möglichkeiten der Kommunikation und Verbreitung von Informationen heutzutage möglich gemacht wird.
Adichie fordert in ihrem sehr bewegenden TED talk, wir sollen alle Feministen sein. Aber ist das denn nötig? Ist Feminismus nicht vorbei? Haben Mädchen und Frauen nicht alle Möglichkeiten in der westlichen Welt? Haben Mädchen nicht bessere Bildungschancen als Jungen? Ist das damit nicht durch dieses leidige Thema? Leider ist es nötig.
Dank kommerzieller Ideen wie der Girl Power Bewegung Ende der 1990er Jahre sind Frauen nun undankbar, wenn sie sich aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert fühlen. Wir sind noch nicht soweit, dass wir gleich sind, Geschlecht spielt eine Rolle in so vielen Situationen, jeden Tag. Frauen haben Männer nicht überholt. Noch immer haben Frauen weniger Chancen auf Führungspositionen, bekommen für gleiche Arbeit weniger Geld. Werden belächelt und herausgestellt. Natürlich gibt es die prominenten Beispiele für das Gegenteil. Aber wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass diese Frauen dem medialen Ideal entsprechen, sind schlank und schön, haben Unterstützung und arbeiten hart für das, was sie erreichen wollen. Ein Mann muss nicht gutaussehend oder schlank sein, um Manager zu sein. Er wird nicht geringer bezahlt, weil er schwanger werden könnte. Obwohl das Recht auf eine Vaterschaftszeit besteht, wird es ihm nicht zum Nachteil angerechnet.
Die Spice Girls haben mit ihrem Buch ‚Girl Power‘ den Grundstein der Bewegung gelegt. Sie verkörpern die starke, selbstbewusste, attraktive und erfolgreiche Frau, die wir nun alle angeblich sein können. Wir brauchen keinen Feminismus, wir treten ihm gehörig in der Hintern. Wir sind so stark, wir schaffen alles. Wir trainieren, sind belesen und intelligent, erfolgreich und haben im Idealfall noch eine funktionierende Familie. Dabei sind wir natürlich charmant, gefallsam und ausgeglichen. Das alles schaffen wir mit Links, wir haben ja jetzt Girl Power und sind Super Girls. Danke, Posh. Gruß an David.
Die gesellschaftlichen Erwartungen sind unrealistisch und erzeugen eine neues Problem der Unterdrückung. Aus einem kollektiven Problem wird ein individuelles gemacht. Die Spice Girls haben den engagierten Feministen die gemeinsame Schlagkraft genommen und sie zu garstigen, unzufriedenen Emanzen gemacht. Äußert man heute Unzufriedenheit und fühlt sich aufgrund des eigenen Geschlechts unfair behandelt, ist man empfindlich, reduziert sich angeblich selbst auf das Geschlecht. Menstruiert vermutlich bald und ist hormonell unausgeglichen.
Eine Bewegung, die Frauen einen Schub Richtung Gleichberechtigung geben sollte, hat bewirkt, dass wir unsere gemeinsame Stimme verloren haben. Und die einzelnen Stimmen, die aufschreien und sich wehren, werden als Gestrige mit Abwertung und Missachtung gestraft.
Wie kommen wir zu einem Zustand, der uns erlaubt, mit einer Stimme zu sprechen? In dem Feministin kein abwertender Titel mehr ist. In dem es nicht belächelt wird, wenn man sich für seine eigenen Rechte einsetzt. In dem man nicht als zu emotional gesehen wird, wenn man engagiert argumentiert.
Wie können wir den Diskurs und die Haltung ändern? Es wäre naiv zu glauben, man könnte in kurzer Zeit so tief gehende gesellschaftliche Veränderungen umkehren. Aber wenn der Dialog offener würde, würde sich bereits Vieles ändern können.

I still hope for change.
Feminist at  <3.
Always.