Jagdverlauf und Beute

Der Jäger ist nun seit etwa 6 Monaten ein stetiger, aber beiläufiger Begleiter meines Lebens. Und ich habe viel gelernt von ihm. Über mich, über Beziehungen, über Sex, über Spaß, über Blödsinn und übers Erwachsensein. Ich bezweifle, dass ihm das klar ist.

Es ist das erste Mal, dass ich erfolgreich das Modell friends with benefits (oder wie auch immer man es betiteln möchte: Affäre, fwb, Freunde+, etc.) lebe und es genießen kann, ohne Angst, jemand würde sich verlieben oder anhänglich werden. Und das ist ein wichtiger Punkt, den ich gelernt habe. Es geht, es funktioniert.
Ich hatte bisher quasi durchgängig Beziehungen in meinem Leben und wenn man so will, war ich insgesamt etwa 1 Jahr Single seit ich 13 war (wir rechnen jetzt mal nicht genau nach, aber es sind mehr als 13 Jahre, die ich in Beziehungen verbracht habe).
Vereinfacht gesagt habe ich immer jemanden gehabt, bis jemand vorbeikam, der mit besser gefiel. Das liest sich grausam und war natürlich deutlich komplexer und individueller auf der emotionalen Ebene, aber dazu vielleicht später einmal mehr.
Alleinsein ist nicht gerade meine Stärke. Während ich sehr genieße mal einen Abend für mich zu haben, so ist das Alleinsein auf Dauer immer eine Horrorvorstellung für mich gewesen. Was wenn ich vom Weg abkommen? Was, wenn ich allein verantwortlich dafür bin, dass und wie mein Leben läuft? Was, wenn ich mich nicht auf jemanden anderes konzentrieren kann, wenn mir mein Leben zu viel wird?
Bisher war die Anwesenheit eines anderen Menschen auch immer eine Flucht für mich. Davor, mich mit meinem eigenen Kram auseinanderzusetzen, plus ich bin eine Meisterin der Anpassung. Wenn es sein muss, kann ich mich mit jedem noch so abgefahrenen Hobby anfreunden und finde vielleicht sogar selbst gefallen daran. Aber auch emotional passe ich mich schnell an, ich werde manipuliert (oftmals unbeabsichtigt und seltenst mit Absicht). Manipuliert werden ist passiver und entlastet mich ein wenig von der Verantwortung, die ich auch nicht auf meine Exen abwälzen will. Nein, es gehören zwar zwei dazu, aber der eine tut unbewusst, der andere lässt unbewusst mich sich machen. Das sind Dynamiken, die man mit viel Arbeit durchbrechen kann, man kann es aber auch lassen. Bisher habe ich mich mit all meinen Partner-Menschen wohlgefühlt und bis auf wenige Ausnahmen auch nicht ausgenutzt. Ich kann ehrlich behaupten, eine fantastische Riege an Menschen in meinem Leben gehabt zu haben, die mir alle viel bedeutet haben. Trennungen sind nie schön, doch die meisten sind fair verlaufen, mit einem Großteil bin ich noch rege in Kontakt.
Jetzt bin ich also Single, seit schon fast einem Jahr und lerne nun vom Jäger, wie man Nähe und Geborgenheit auch außerhalb einer Beziehung erfahren kann. Und inwiefern das anders ist, als eine Beziehung zu führen.
Vorweg: Es ist großartig und passt genau in meine Lebenssituation zur Zeit. Ich hätte nicht gedacht, dass ich, als emotional konditionierter Mensch (verlieben, binden, behalten, Ausschau nach was anderem) einmal genießen könnte, nicht für jemanden da zu sein. Nicht aus Verpflichtung. Ohne verletzt sein, ohne verliebt sein, ohne Zukunftspläne. Ohne garantiertem Payback. Ohne Kalkül. Es ist tatsächlich ehrlicher, ein solches Beziehungsmodell zu fahren, als würde man sich ewige Liebe schwören. Es gibt keine Floskeln, nach ‚Ich mag dich‘ ist die emotionale Leiter erklommen, danach kommt nichts mehr. Und das ist gut so. Ich mag den Jäger. Er begleitet mich nun schon eine Weile und er hat nur wenig Ahnung davon, was ich so mache, was in meinem Leben so passiert. Er lernt mich ohne Alltag kennen und das ist ein großartiger Luxus heutzutage. Wenn es mir nicht gut geht, treffen wir uns nicht. Wenn ich keine Lust habe, ihn zu sehen: treffen wir uns nicht. Wenn er keine Lust hat: treffen wir uns nicht. Wir sehen uns nur, wenn beide Zeit und Muße haben, sich einen Abend frei zu nehmen. Es ist ein Date auf Abruf, dass bisher kontinuierlich lustig, entspannt und frei von Erwartungen war. Und dabei schwanken unsere Gesprächsthemen von Blödsinn zu Tagespolitik, von geradezu kindlichen Lachanfällen zu küchenpsychologischen Diskussionen. Wir gehen ins Kino, spazieren, fahren mit dem Auto durch die Gegend und singen schief bei schlechten Popsongs mit.
Wir teilen die Leichtigkeit, die eine frische Beziehung Anfang der Zwanziger mit sich bringen würde und lassen den Balast einfach heraus.
Ob dies ein Modell ist, dass einen ein Lebenlang erfüllen kann, bezweifle ich. Mir würde es vermutlich dauerhaft nicht reichen, denke ich. Aber was weiß ich schon, ich dachte auch, ich kann fwb nicht und würde mich zu schnell verbeißen und mehr wollen. Durch seine Distanz hat der Jäger mir beigebracht, dass ich nicht gleich Heiratspläne mit jemandem schmieden muss, um eine gute Zeit zu haben. Und damit meine ich nicht flüchtigen Sex, sondern tatsächliches Vertrauen und Geborgenheit. Einanderen Verletzlichkeit eingestehen, ohne Abhilfe zu erwarten. Man-Selbstsein ohne sich zu verstellen und daraus Bestätigung ziehen. Und daraus ziehe ich wundersamerweise genauso Bestätigung wie aus einer Beziehung. Mehr noch vielleicht.
Ein fester Partner gibt uns das Gefühl von Dazugehören, von sozialer Legitimation. Wenn es ein Mensch so nah und eng mit mir aushält, kann ich ja nicht so schlimm sein. Ist man in einer Beziehung und merkt, dass es doch nicht passt, so geht das ganze Trennungsgehabe los (gegenseitig ausspielen, Streit, Unzufriedenheit, im nervigsten Fall: Hab und Gut aufteilen), wenn ich den Jäger nicht mehr sehen will, sag ich es ihm einfach. Würde er mich nicht mehr sehen wollen, würde er es mir sagen. Die Konsequenzen sind vergleichbar gering. Daher rührt meiner Ansicht nach die besondere Ehrlichkeit und Offenheit unserer Begegnungen.
Ein Ende dieser Affäre ist allerdings schon für den Sommer vorgemerkt, dann wird der Jäger sich neuen beruflichen Projekten widmen, anderenorts. Bis dahin, oder bis sich aus anderen Gründen die Treffen nicht mehr ergeben, genieße ich, über Tinder eine guten Freund und interessanten Menschen kennengelernt zu haben. Wer hätte das gedacht.

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Es

Als ich Es das erste Mal erblickte wirkte es so deplatziert, dass es für eine Sekunde kaum im Raum bemerkbar war. Alles schien einfach irgendwo zu stehen, nichts  an etwas anderem ausgerichtet zu sein. Orientierungslose Möbel, ein Sammelsurium im Chaos.

Da waren tiefdunkle Anrichten, ein Bauernschrank in Buche, ein eichner Esstisch und ein abgewetzter folierter Pressholztisch vor dem grausigen Etwas.
Worte vermögen Farben nur bedingt zu beschreiben; es war ein lachs-creme-aprikosenfarbendes-rötlich-schimmerndes Dreisitzer-Gebilde. Auf der unglaublich seltsam gewinkelten Armlehne lag eine knall-orangene Mikrofaserdecke, eine von denen, denen man die statische Entladung bereits ansah. Die Farben schienen sich Gleichzeitig zu ähneln und zu beißen.
Es war ein unfassbar häßlicher Anblick.
Gott sei Dank war ich so verschossen in den Menschen, dessen Wohnung ich hier zum ersten Mal sah; ich hatte meine rosarote Brille noch sehr fest auf. Das schien den Farbton jedoch auch nicht erträglicher zu machen. Das Monstrum war einfach nicht zu übersehen.
Zögernd ließ ich mich auf der Couch nieder und fasst mit beiden Händen auf den Bezug, strich langsam darüber. Die Farben wechselten, so als wäre das Sofa mit Wildleder bezogen und dann aber sehr weichgespült worden. Der Stoff war sehr kalt, hatte doch seine glühende Färbung Wärmeres versprochen.
Ich war so verliebt, dass ich es einige Monate mit der Couch aushielt, ohne sie direkt zu thematisieren.
Doch dann kamen die Planungsgespräche für eine gemeinsame Wohnung.
Das kalte Grauen befiel mich:
Was, wenn er die Couch mitnehmen wollte?
Was, wenn sie sein absolutes Lieblingsmöbelstück war, von dem er sich auf gar keinen Fall trennen wollte?
Mir brach der kalte Schweiß aus, ich musste es ansprechen, mir selbst die Angst nehmen, würde es auch noch so unangenehm werden. Paare hatten sich schon wegen weniger getrennt, aber wollte ich jedem zerknirscht berichten, dass wir uns wegen dieses unendlichst häßlichen Sitzmöbels getrennt hatten? Ein bisschen Selbstrespekt habe ich schließlich noch. Also gerade heraus, es würde schon nicht so schlimm werden.
Nachdem ich meine emotionale Lage gegenüber dem Sofabesitzer dargelegt hatte und vorsichtig nachhakte, ob es denn ok wäre, das Monstrum von seinem Schicksal zu erlösen und es zur Kippe zu fahren, erfuhr ich unerwartete Zustimmung. Doch ich hatte mich zu früh gefreut.

Was in den kommenden Wochen geschah, trübte die allgemeine Stimmungslage ungemein mehr, als ich erwartet hatte. Das Sofa musste nicht mit, in dem Punkt hatte ich bekommen, was ich wollte. Doch die Sache hatte einen Haken. Auf gar keinen Fall sollte dieses grandiose, unsäglich bequeme, tadellos funktionsfähige Biest auf der Müllkippe landen. Es sei ja noch gut und es würde sich sicher gut verkaufen lassen.
Tage vergingen, bis sich der erste Interessent meldete.
Es war ein polnischer Herr mittleren Alters, der Möbel aufkaufte und nach Polen schickte. Als er das Sofa sah, lehnte er dankend ab.
Ein Pärchen in Jogginganzügen und Ed-Hardy-Mützen fand, dass es dann doch nicht so bequem sei, wie erhofft.
Eine junge Studentin stellte sehr engagiert heraus, dass das Foto in der Anzeige ja ein ganz anderes Sofa zeigen würde und die Farbe sei auch ganz anders. Aus meiner Sicht hatte das Foto es geschafft, die Farbe noch abartiger zu machen, sodass sie an der Stelle eigentlich positiv hätte überrascht sein müssen.
Ein bierbäuchiger Hosenträgerträger gestand, er würde sich das Sofa nur anschauen, damit seine Frau ihn damit in Ruhe ließe, er hätte keine ehrlichen Absichten, dieses Ungetüm irgendwohin mitzunehmen.
Ich fand alle genannten Argumente mehr als legitim und es fiel mir schwer, das gute Stück zu bewerben. Am liebsten hätte ich es einfach verschenkt, aber auch das stellte ich mir schwierig vor. So einen leuchtend-dominanten Koloss musste man nicht erst ins Maul schauen, um seinen wahren Wert zu erkennen.

Der Auszug rückte näher und proportional stieg mein Panik-Level. Ich musste auf eine Entsorgung hinarbeiten. Ganz vorsichtig, ohne große Wellen, die Idee ein bisschen im Raum treiben lassen. Als Option. Vielleicht müsste man es doch entsorgen und natürlich wirklich nur, wenn es sein muss (musste es, absolut).
Immer wieder kamen mir Bilder von unserer schönen neuen gemeinsamen Wohnung vor Augen, mit dem aprikosen-flamingo-farbenden Ungeheuer neben dem Kamin. Es durfte nicht soweit kommen, es musste etwas geschehen! Eine Entscheidung musste her, eine Drucksituation, in der ein für alle Mal die endgültige Vernichtung dieses Zustands erreicht wurde!
Blind vor Panik rief ich wahllos Kontakte von meinem handy aus an und bat um Abnahme des Sofas.
Und endlich, endlich: Hoffnung!
Ein glibberig-orange-lachsiger Streifen am Horizont.
Ein Bekannter (auch Bekannter des Sofas) verstand meine missliche Lage und bot an, das Etwas bei einer sozialen Einrichtung unterzubringen. Ich war so erleichtert, ich musste mich erstmal setzen. Das war die perfekte Lösung (nicht für die armen Menschen, die sich in der Einrichtung aufhielten, aber wie ich später erfuhr, wurde das Biest mit Decken gezähmt und sah dann fast possierlich aus).

Traurig blickte der ehemalige Sofavater dem Transporter nach. Er wandte sich an mich und sagte: „Vielleicht finden wir ja ein Neues, dass wenigstens die selbe Farbe hat, richtig bequem war es ja nun wirklich nicht.“

Was dann geschah wurde nie wieder erwähnt (auch nicht während des Kaufs des neuen Sofas): Ungefiltert platze es aus mir heraus: Niemals käme mir ein so häßliches Ding in die Wohnung, er müsse ja blind gewesen sein, als er dies Sofa gekauft hatte, ob ich mir Sorgen machen müsse, da er ja auch mich letztendlich irgendwie ausgesucht hatte, ob ich in die selbe Kategorie fiele. Das ich NIEMALS, NIEMALS, NIEMALS ein solches Etwas zulassen würde.

Und dann…… Stille. Betretende Stille und eine seltsame Erleichterung. Ich hatte es geschafft, ich hatte mich vom glibberig-orange-lachs-creme-aprikosenfarbenden-rötlich-schimmernden-flamingo-farbenden Grauen befreit.
Und die Stille verging dann auch irgendwann. Spätestens, als die Farbe des neuen Sitzmöbels diskutiert werden musste.

Trotz meines durchdachten Plan war mir doch ein Fehler unterlaufen in all der Aufregung: irgendwie hatte es die statisch-orangene Decke geschafft ein paar Wochen später auf unserer neuen dunkelgrauen Couch aufzutauchen.

Fair enough, ich weiß, wann ich mich geschlagen geben muss.

Waidmannsheil [Interjektion]

Der Jäger begann perfekt. Ich nutze dieses Wort nicht leichtfertig. Es war wirklich perfekt. Für mich, für die Menschen, mit denen ich diese Geschichte bisher geteilt habe. Für den Jäger vermutlich auch. Nur anders vielleicht. Aber dazu später einmal mehr.

Wenn man bei Tinder die erste Chat-Hürde überwunden hat (wer schreibt wen an und was zum Henker schreibt man da eigentlich?), hat man im Prinzip schon gewonnen. Und wenn dann auch noch eine Partei ein Treffen vorschlägt, bevor der Chat seltsam wird, sollten in den heutigen Zeiten eigentlich schon die Hochzeitsglocken läuten. Virtuell natürlich. Vorausgesetzt Person B sagt ja zum Treffen.

Ich war 25 Minuten vor der verabredeten Zeit im Café; ich bin gern früh da, um die Lage zu checken und um einen kurzweiligen Heimvorteil zu haben. Kein seltsames Jacke-ausziehen oder Nase-schniefen von der Kälte draußen. Relaxt Herr der Lage sein und tief durchatmen, bevor die Show beginnt.

Denn seien wir mal ehrlich, es ist alles eine Show. Die Profil-Bilder, die semi-intellektuellen Sprüche im Profil. Die prätentiös tiefsinnig Musikauswahl für die eigene Hymne.

Berechnende Fiktion auf drei Ebenen.

Und dann betrat der Jäger das Café und war einfach toll. Er war ebenfalls zu früh (15 Minuten), sein erster +-Punkt. Groß, bärtig, männlich, tolle Augen. Ich suchte seinen Blick um ihm zu signalisieren, dass ich ich bin; und er sah mich und drehte sich nicht zur Flucht um. Ein solider Start also.

Als der Jäger sich setzte wurde ich aufgeregt. Nicht so, als hätte ich eine Deadline vergessen und müsste nun in 15 Minuten 20 Seiten Abhandlung abgeben. Eher diese seichte schöne Aufregung, die man früher an Heilig Abend hatte. Vor der Bescherung. Der Jäger ließ mich Weihnachten fühlen, ohne, dass wir bisher großartig Worte gewechselt hatte. Er hatte eine kompromißlos entspannte Körpersprache, Selbstbewusstsein, und Humor. Das komplette Paket. Und das Beste: eine tiefe Erzählerstimme mit einem leicht nordischen Einschlag.

Wir stiegen seicht in die Unterhaltung ein; Smalltalk, den wir im Chat vermieden hatten. Er erzählt mehr als ich erwartet hatte und befürchtete schon, dass sich dieses Treffen wie das vorherige mit dem Zauberer anfühlen würde. Doch er erzählte vom Hof seiner Eltern, von seiner Ausbildung zum Landwirt, von seiner Zeit als Soldat, vom Jagen. Und riss die Ereignisse nur an, ich hatte so viele Fragen in meinem Kopf und fand alles spannend, was er berichtete.

Seltsame Gesprächspausen gab es keine und er bestellt sich ein belegtes Brötchen mit ‚was halt weg muss‘. Seine bodenständige, unkomplizierte Art faszinierte mich. So machten wir uns doch immer alle zu viele Gedanken darüber, was andere von uns denken könnten, was für Schlüsse aus den einfachsten Alltagsentscheidungen gezogen würden. Sein Verhalten wirkte einfach authentisch, er spielte keine Rolle.

Nur war es nicht nur, was er sagt, sondern wie. Seine brummige, tiefe, männliche Stimme berührte mich. Sie tat etwas mit mir, und so etwas ist selten. Stimmen verbinden.

Und wenn man merkt, dass man eine Verbindung mit einer Person hat, dann entkrampft das unheimlich. Ich habe diesen Mann nach etwa 10 Minuten in mein Herz geschlossen. Nicht auf die triefige psycho-amoröse Art und Weise. Manche Menschen sind einfach Herzmenschen. Die berühren einen direkt. Ohne, dass man sie großartig kennt. Bauchgefühle reichen manchmal. Und wir sprechen hier nicht von Liebe.

Nach dem Café gingen wir noch spazieren, ein wenig die Stadt erkunden (er war gerade erst hergezogen und kannte sich noch nicht so aus). Und wieder: Entspannung. Blödsinn reden. Schaufenster schauen. Menschen gucken. Dinge entdecken, die man eigentlich kennt. Wir passierten illegal Baustellen um von Kanten zu schauen, gingen geheime Privatwege, die ich noch nie auch nur beachtet hatte.

Als wir die Altstadt erreichten blieben wir Ewigkeiten vor einem dieser seltsamen Indianerläden stehen, die neben Messern und Mokassins auch allerlei anderen Ramsch verkauften. Eine Gruppe Hobbyfotografen passierte uns, und der Jäger schnappte mich und drehte mich in Pose, eine einzige flüssige Bewegung mit erstaunlich wenig Widerstand meinerseits. Wir lachten und posten und schlenderten weiter, vorbei an den irrwitzigsten Geschäften. Nichts war zu trivial, um kommentiert zu werden. Und so verbrachten wir knappe 3 Stunden damit, über Nichts zu reden und zu lachen.

Ich navigierte uns langsam wieder zu seinem Auto, als wir es scheppern und krachen hörten. Ein Skateboarder hatte ein paar Meter entfernt sein Board zerlegt und fluchte nun wild, völlig in Rage und Ärger trat er weiter auf des angeknackste Brett ein, bis es komplett in Zwei geteilt war. Der Jäger und ich hatten uns als Zuschauer auf einer Bank niedergelassen und beobachteten gespannt, was noch passieren würde. Doch der Skateboarder zog nach völliger Demolierung seines Boards frustriert ab und wir entschieden, als letzte Station des Abends in den 14. Stock des Universitätsgebäudes zu gehen und uns die Stadt bei Nacht (es war mittlerweile etwa 19.30Uhr und entsprechend dunkel) anzuschauen. Oben angekommen stierten wir aus den Fenstern, ich erklärte, welche Gebäude und Plätze wir auf dem Weg hierher passiert hatten. Ich fühlte mich leicht. Es war genau die richtige Mischung an Kontrolle meinerseits und Irrwitz seinerseits.

Und sein subtiles Selbstverständnis, das ich nicht an der Straßenseite ging, er natürlich meinen Kaffee mit gezahlt hatte, ich den Vortritt hatte, er die Türen aufhielt und mich schlussendlich sogar noch die 700m nach Hause fuhr. Nicht auf eine suppressive Art, eher eine Art Wertschätzung meiner Person.

Er hielt vor meinem Graffiti besprühten Wohnblock und wir redeten noch kurz weiter bis der Moment kam, der die Zeit stehen lässt; kurz bevor man sich das erste Mal küsst. Unsere Blicke verfingen sich ineinander. Auch wenn man eigentlich weiß, dass es schön und vielleicht sogar richtig wäre: manchmal ist man dennoch feige. Ich löste meinen Blick von seinem und fragte ihn, ob wir uns wiedersehen würden. Er brauchte einen kurzen Moment und sagte dann: ‚Also weißt du, du hast mir jetzt schon auch die Möglichkeit geklaut, dich das zu fragen.‘ Er grinste und ich lachte.

Ich bedankte mich für den fantastischen Abend und wir merkten erst in diesem Moment, wie lange wir Zeit zusammen verbracht hatten.

Was auch immer in der Zukunft zwischen uns geschehen würde, unser Start versprach ein interessantes Abenteuer.

(to be continued)

Geisterstunde

Manche Menschen berühren uns sofort und wir sind wie in einem Bann. Wir wollen Zeit miteinander verbringen, das Gegenüber kennenlernen und völlig irrational nie wieder ohne diesen Menschen leben müssen. Zumindest für den Moment. Diese Menschen rühren unser Innerstes auf und hinterlassen Spuren. Spuren der Liebe und der Hoffnung, Spuren von Schmerz und Leid. Spuren von Leben.

Und es gibt Geister.

Geister leben wie Menschen unter uns, doch sie können uns nicht berühren. Nicht absolut gesehen natürlich, sie können schon jemanden berühren, nur eben nicht uns. Sie huschen an uns vorbei, schleichen heimlich durch unser Leben und verschwinden wieder. Ohne jemals eine Spur zu hinterlassen.
Geister sind überall und jeder hat sie. Auch wenn wir sie nicht sehen oder wahrnehmen.
Eine bewusste Begegnung mit ihnen geschieht nur sehr selten und kann äußerst rar dokumentiert werden; werden Geister doch aufgrund ihrer Natur nur in den seltensten Fällen überhaupt wahrgenommen. Die moderne Dating Kultur ermöglicht nun aber auch Geistern in unser Leben zu treten.

Mein Geist war sehr vorsichtig.

Als Frau wird man oftmals angehalten, doch möglichst Acht zu geben, dass man nicht an Irre oder Verbrecher gelangt und sich damit in Gefahr bringt. Der Geist machte mich zu seiner Gefahr. Er hielt mich so sehr auf Abstand, dass es einerseits einfach eine interessante Herausforderung wurde, ihn mal zu treffen , andererseits grenzt es an ein Wunder, dass es überhaupt jemals zu einem Treffen kam.
Auslöser war nach dem ersten etwas dünnen Kontakt ein Gespräch über Musik. Wir hatten endlich ein entspanntes Thema gefunden, dass über Smalltalk hinausgeht und anscheinend selbst ihn mal auftauen ließ. Wie ich später herausfinden sollte, spielte er Bass.
Wir verabredeten uns für ein Bier im Pub und endeten dann doch auf einem Weg-Bier-Spaziergang durch die Stadt. Er arbeitete in einer Firma, die Prothesen und Orthopädische Hilfsmittel auf Maß anfertigt und mit dem Krankenhaus zusammenarbeitet, in dem meine Mutter seit 30 Jahren tätig war. Ich stellte dies heraus und als hätte ich ihm die Jacke weggenommen, verkniff er sich und fand es doch etwas früh, über die Eltern zu sprechen. Ich wollte ihn ja auch nicht gleich zu Hause vorstellen.
Ich fand seine Reaktion etwas seltsam, und ließ daher ihn einfach mal reden. Er erzählte recht emotionslos von einer Asienreise, die er kürzlich unternommen hatte. Irgendwie kamen wir dann auf das Thema Depressionen und hierarchische Strukturen im Handwerk. Wir unterhielten uns angeregt und bemerkten eine ähnliche Einstellung, wenn es zur gesellschaftlichen Wahrnehmung des Handwerks kam. Ich fragte ihn eh sehr aus über seinen Beruf, ich fand es einfach spannend und vor allem anders.
Da er zu frieren begann, ja: er, kehrten wir dann doch ein und tranken abermals Bier. Ich hatte mir angewöhnt, mich für Dates zwar optisch zurecht zu machen, aber möglichst noch authentisch am Alltags-Ich zu bleiben.
Er nicht.
Hoffentlich.
Denn, er trug: eine Bluse.
Eine dieser sackartigen, samt-seidenen schwarzen Blusen, die man in erster Linie mit Künstlern wie Meat Loaf in Verbindung bringt. Die Bluse des Geistes war zwar sicherlich einige Größen kleiner, er war sehr schmal, doch schien sie nicht weniger exzentrisch an diesem sonst so bemüht-dezenten Mann. Zumindest hatte ich eher ein Bandshirt erwartet. Eher Grunge als Glam-Rock. Er hatte sich mit diverse Halskette geschmückt, wie man sie von EMP kennt und trug damit mehr Schmuck, als ich überhaupt besitze. Wir diskutierten und er bremste mich immer wieder aus, warf mir zu radikale Ansichten vor (was mich motivierte, noch provokanter zu argumentieren). Wir redeten über die selben Themen, aber rückblickend in unterschiedliche Richtungen und als würden wir einander gar nicht hören.
Als wären wir in unterschiedlichen schalldichten Räumen gewesen und hätten die jeweiligen Antworten immer nur geraten, statt sie zu verstehen.
Der Abend endete früh. Wir blieben auf der höflich-distanzierten Ebene, die er bemüht aufrechterhielt und ich bedankte mich brav für die gemeinsame Zeit.
Der Geist hatte sich selbst so sehr zurückgehalten, dass kein Profil entstand. Trotz interessanter Gesprächsthemen, trotz mehrerer Stunden Zeit, trotz Alkohol. Ein bisschen, wie eine schlechte Doku zu schauen: das Thema ist vermutlich interessant, aber die Informationen und Aufnahmen sind zu oberflächlich, zu angepasst, um emotional zu involvieren. Schon während der Verabschiedung vergass ich erste Dinge über ihn. Ein weiteres Treffen schien so abwegig, gerade zu unlogisch, dass ich gar nicht darüber nachdachte, dass er dies ja nun auch anders sehen könnte.
Er schickte mir eine mit dem Handy aufgenommene Audiodatei, die nur schwerlich als das Bass-Intro eines meiner erwähnten Lieblingslieder zu erkennen war. Er verhunzte es so sehr, es war geradezu beleidigend.
Er wollte sich also noch einmal mit mir treffen. Da ich möglichst fair mit meinen Mitmenschen umgehen möchte, schrieb ich ihm, dass ich leider nicht sehe, dass wir da selbe wollen und ich leider so gar kein Kribbeln hätte und nun ja, ich wollte ihn nicht wiedersehen.

Ich konnte mich kaum noch an ihn erinnern, er war einfach spurlos durch mich hindurchgehuscht.

Der Zauberer

Wir haben heute gefühlt 2 Millisekunden Zeit, jemanden von uns zu überzeugen. Viel länger dauert es nicht, ein Bild anzuschauen und sich zu entscheiden, zu welcher Seite man wischt. Lieber einmal zu viel gewischt, als aus versehen Kontakt aufzunehmen. So ist unsere Partnersuche heute gestrickt. Photoshop und krampfige Körperhaltungen.

Ich entschied mich gegen ein gestelltes Bild und für einen Fantasy-Dämon. Die inneren Werte zählen schließlich. Auch beim Online-Dating.

Wer aber ist mutig genug, sich darauf einzulassen?

Wie sich herausstellen sollte: Zauberer.

Der Erstkontakt im Chat verlief gut bis nerdig. Ein kurzer Austausch der Befindlichkeiten, ein kurzes Abchecken des Berufslebens, eine schnelle Entscheidung für ein Bier im Pub. Eine anschließende Diskussion über das Reisen zwischen Paralleluniversen sicherte einen gemeinsamen Grad an Individualität. Vielversprechend also, einen angenehmen Abend zu erleben.

Lief also.
Vor allem die Schweißperlen auf seiner Stirn, als er 5 Minuten zu spät mit dem Fahrrad vor dem Pub ankam.
Da er nicht wusste, wie ich aussehe (ein waschechtes semi-Blind-Date also) schlenderte ich auf ihn zu, um ihm Zeit zur Fahrradsicherung zu geben.
Er verbrachte unnatürlich lange mit seinem Fahrradschloß und ich konnte den ersten Blickkontakt und die sperrige Fahrrad-Schloss-Situation nicht mehr voneinander trennen.
Wie gern hätte ich ihm diesen Gefallen getan. Doch da lag der Schlüsselbund auch schon auf dem Boden – verlegene Blicke, seltsame Körperhaltungen (wie seltsam sich Körper um Fahrrad winden können…), und versucht-lässige Worte. Gefolgt von einem umständlichen Aufheben des Schlüssels.

Aus meiner anfänglichen, nervösen Aufregung wurde tiefe, fast schon meditative Ruhe.
Die Art von Ruhe, die man bekommt, wenn man in einer Prüfung sitzt und merkt, dass man es mehr drauf hat als der Prüfende (eine ewig-unerfüllte Traumvorstellung von mir).
Ich lehnte mich innerlich zurück. Atmete tief durch.
Welch Luxus, sich einfach mal fallen zu lassen, zu beobachten, ohne die eigene Wahrnehmung durch Adrenalin zu verfälschen. Herrlich.

Wir betraten den Pub nach einer schwitzigen Umarmung und einer halbherzigen Entschuldigung für sein Zuspätkommen. Na, immerhin hatte er es gemerkt.
Er zog unschlüssige Blicke durch den sehr leeren Raum, geradezu hilflos suchend nach einem Platz der passend war (es waren etwa 8 andere Menschen anwesend, inklusive Personal). Er dreht sich um, und bat mich, einen Platz zu wählen.
Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass an diesem Abend die Macht der Entscheidung auf diese Art auf mich übertragen wurde. Es fühlte sich so gar nicht nach einem gleichberechtigten, respektvollen Einbeziehen meiner Meinung an; es schwang eher eine subtile Hilflosigkeit mit. Meine offenbar verunsichernde Ruhe half ihm auch nicht gerade. Und ich sah wohl besser aus, als er erwartet hatte.
Ich entschied mich also für Tisch und Sitzplatz und wir bestellten unsere Biere, nachdem er unnatürlich lange in die Karte geschaut hatte. Verlegenheit. Panik. Ohnmacht. Alles war von seiner Seite ab hier möglich.

Gespannt beobachtete ich, wie er langsam runterkam und zu erzählen begann. Interessiert gab ich die gute Zuhörerin und wurde mit mittelmäßig Alltäglichkeiten belohnt. Nach etwa 5 Minuten engagiertem Monolog wurde mir klar, dass meine vornehme verbale Zurückhaltung anscheinend sehr motivierend wirkte.
Offenbar war ich nicht mehr ganz die unnahbare Eiskönigin für ihn, und war nun mit seiner sehr hohen Wortfrequenz in Schach zu halten. Und was ich nicht alles erfahren durfte in diesen ersten 90 Minuten Ansprache:
Kindheitserinnerungen, Familiendramen, Kollegenstories, das volle Programm. Inklusive Aussage wie: „Also mein Vater ist verstorben, das’ aber auch besser so. Mal ehrlich.“. Diese Aussage ist nicht nur ohne Kontext gruselig, sondern lässt auch rein mental tief blicken.
Ich bin kein Fan von Smalltalk, aber Seelenstriptease innerhalb der ersten 15 Minuten?
Nein, danke.
In einer Atempause, in der er sich einen Schluck Bier gönnte (kauen hielt ihn nicht vom Reden ab) ergriff ich die Gelegenheit und fragte ihn nach seinem ungewöhnlichen Vornamen. Ich erwartete eine umfangreiche, geradezu abenteuerliche Geschichte. Meine Vermutung war eine literarische oder historische Verbindung der Eltern nach Wales, zumindest eine Vorliebe für Geschichten, in denen walisische Zauberer vorkamen –
Nichts dergleichen. Seine Mutter hätte einfach den Namen gern gemocht. Er schien fast irritiert von meiner plötzlichen offensiven Kommunikation, die durch seine unspektakuläre Antwort jedoch schnell wieder auf ein Minimum reduziert wurde.
Während er also sprach und aß und trank, nippte ich an meinem Bier (ich hatte ja nichts zu tun, außer interessiert zu schauen, ermutigend zu nicken und wach zu bleiben).
Da ich nichts vertrage, hielt sich das alkoholische Ausmaß glücklicherweise in Grenzen. Zwei kleine Bier für mich, drei große für ihn und das Essen (ich esse nicht gern vor Menschen, die ich nicht kenne).

Endlich: Der große Moment kam.
Ich war so dankbar.
Die Servicekraft unseres Bereichs wollte abrechnen, ihre Kollegin würde gleich übernehmen. Der perfekte Moment, die Szene neu zu gestalten. Eine Möglichkeit für ihn zu Punkten und sich männlich zu fühlen; eine perfekte Möglichkeit für mich, wach zu werden, das Gespräch zu drehen, infinite Möglichkeiten.

Sie kam, sah und fragte ihn, explizit, durch Augenkontakt unverkennbar: ihn, die große Frage: „Geht das getrennt oder zusammen?“
Große Männer sind schon an dieser Frage gescheitert. FeministInnen sind sich uneins. Ganze Gesellschaften stehen im Clinch, wegen dieser einen Frage. Das Problem sind nicht die monetären Mittel (meistens). Das Problem ist die Message. Die soziale Kodierung der Handlung. Verbunden mit Konventionen und Erwartungen. Eine große Sache also.
Verlässlich, wie sich mein Gegenüber bisher gezeigt hat, löste sich sein Blick von der jungen Dame und wandte sich an mich: „Was meinst du denn?“. Die selten seltsamste Art mit dieser Situation umzugehen.
Konventionell hätte er gezahlt. Nicht nur wegen der ganzen gentleman-illusion, er hat auch mehr konsumiert. Seine Hälfte der Rechnung war deutlich höher. Seine Frage jedoch hat absolut ausgeschlossen, dass dies eine valide Option wäre. Es blieben mir nur zwei Optionen, ohne eine Szene zu machen. Getrennt zahlen, oder ich zahle alles. Zweiteres wäre seltsam gewesen, nicht, weil ich eine Frau bin, sondern weil mein Konsum geringer war. Getrennt also. Umständliches Herauspulen von Kleingeld seinerseits (ich möchte an dieser Stelle betonen, dass der Mann in Lohn und Brot stand. Es geht mir nicht darum, mein Bier nicht zu zahlen, mehr seine Art, die Situation zu handlen, war irritierend). Mein Trinkgeld war höher als seines. In absoluten Zahlen und Prozentual. Lächerlich.
Gefühlt fünf lange stille Minuten schwiegen wir uns an, dann, fragte er, ob wir Spazierengehen wollten. Naja, wenigstens frische Luft, und vielleicht würde sich durch das wechselnde Umfeld die Interviewsituation legen.
Nach umständlicher Debatte über die Fahrradmitnahme seinerseits (er hat es nicht mitgenommen) ging es Richtung Innenstadt und meinem Stadtteil. Angeschackelt wie ich war, hielt ich es für eine grandiose Idee, ihn zu meiner Begleitung nach Hause zu nötigen und ihn dann heimzuschicken. Zumindest in die Nähe meiner Wohnung, meine genaue Adresse wollte ich nicht offenbaren, er hat auch nicht gefragt.
Das Vibe-Level lag im absolut negativen Bereich, das Bier hatte nicht geholfen. Ich hielt einen grundsätzlichen Sicherheitsabstand von mindestens geschätzten 60 cm und hielt meine sehr warmen Hände in meinen Jackentaschen versteckt. Bloß kein Risiko eingehen. Mein betrunkener Kopf ist da manchmal sehr analytisch. An einem Punkt meinte mein Date jedoch, ungezwungen Körperkontakt aufbauen zu wollen. Welch naive Tat. Abgelenkt von mir selbst und den bunten Lichtern der Stadt rechnete ich nicht mit einer Berührung meiner Schulter, zuckte zusammen und machte einen Satz von ihm weg. Totaler Abstand nun etwa 1,20 m. Verlegene Blicke, kontinuierliches Monologisieren von ihm. Wir waren mittlerweile beim Inhalt seiner Diplomarbeit angelangt. Gute Güte, für sowas bekommt man also einen Abschluß. Er schien kein Ende zu nehmen. Ich döste im Gehen weiter vor mich hin und blieb schließlich an der Bahnstation stehen, die noch irgendwie sinnvoll nah an meinem Wohnhaus lag (etwa 15 Gehminuten).
Worte können nicht beschreiben, wie dankbar ich war, dass er den Wink verstand. Der Abschied verlief ähnlich umständlich, wie es mit der Begrüßung begonnen hatte. Ich drehte mich um, zog meine Kopfhörer aus der Tasche und Schritt gen Heimat. Kein Wort von ihm, ob ich es weit hätte, wo ich hinmüsste (wir waren an einem Ort, an dem eindeutig niemand wohnt), oder ein floskeliges ‚Komm gut heim.‘. Nichts dergleichen.
Ich war gar nicht da für ihn.
Er hatte mir exakt zwei Fragen gestellt im Laufe des Abends. Wo wir sitzen, und wer zahlt.
Abgesehen von seiner Hand an meiner Schulter hat mich dieser Mensch nicht berührt. Er schien nett, etwas unsicher und mit einem etwas seltsamen Humor. Aber grundsätzlich rechtschaffend gut.
Er wird sein Gegenstück finden, da bin ich sicher. Meine Ohren sind jedoch nicht belastbar genug.
Und auch, wenn er wohl begeistert war von meiner entspannten Art zuzuhören, so hat er mich doch leider so gar nicht verzaubert.