Waidmannsheil [Interjektion]

Der Jäger begann perfekt. Ich nutze dieses Wort nicht leichtfertig. Es war wirklich perfekt. Für mich, für die Menschen, mit denen ich diese Geschichte bisher geteilt habe. Für den Jäger vermutlich auch. Nur anders vielleicht. Aber dazu später einmal mehr.

Wenn man bei Tinder die erste Chat-Hürde überwunden hat (wer schreibt wen an und was zum Henker schreibt man da eigentlich?), hat man im Prinzip schon gewonnen. Und wenn dann auch noch eine Partei ein Treffen vorschlägt, bevor der Chat seltsam wird, sollten in den heutigen Zeiten eigentlich schon die Hochzeitsglocken läuten. Virtuell natürlich. Vorausgesetzt Person B sagt ja zum Treffen.

Ich war 25 Minuten vor der verabredeten Zeit im Café; ich bin gern früh da, um die Lage zu checken und um einen kurzweiligen Heimvorteil zu haben. Kein seltsames Jacke-ausziehen oder Nase-schniefen von der Kälte draußen. Relaxt Herr der Lage sein und tief durchatmen, bevor die Show beginnt.

Denn seien wir mal ehrlich, es ist alles eine Show. Die Profil-Bilder, die semi-intellektuellen Sprüche im Profil. Die prätentiös tiefsinnig Musikauswahl für die eigene Hymne.

Berechnende Fiktion auf drei Ebenen.

Und dann betrat der Jäger das Café und war einfach toll. Er war ebenfalls zu früh (15 Minuten), sein erster +-Punkt. Groß, bärtig, männlich, tolle Augen. Ich suchte seinen Blick um ihm zu signalisieren, dass ich ich bin; und er sah mich und drehte sich nicht zur Flucht um. Ein solider Start also.

Als der Jäger sich setzte wurde ich aufgeregt. Nicht so, als hätte ich eine Deadline vergessen und müsste nun in 15 Minuten 20 Seiten Abhandlung abgeben. Eher diese seichte schöne Aufregung, die man früher an Heilig Abend hatte. Vor der Bescherung. Der Jäger ließ mich Weihnachten fühlen, ohne, dass wir bisher großartig Worte gewechselt hatte. Er hatte eine kompromißlos entspannte Körpersprache, Selbstbewusstsein, und Humor. Das komplette Paket. Und das Beste: eine tiefe Erzählerstimme mit einem leicht nordischen Einschlag.

Wir stiegen seicht in die Unterhaltung ein; Smalltalk, den wir im Chat vermieden hatten. Er erzählt mehr als ich erwartet hatte und befürchtete schon, dass sich dieses Treffen wie das vorherige mit dem Zauberer anfühlen würde. Doch er erzählte vom Hof seiner Eltern, von seiner Ausbildung zum Landwirt, von seiner Zeit als Soldat, vom Jagen. Und riss die Ereignisse nur an, ich hatte so viele Fragen in meinem Kopf und fand alles spannend, was er berichtete.

Seltsame Gesprächspausen gab es keine und er bestellt sich ein belegtes Brötchen mit ‚was halt weg muss‘. Seine bodenständige, unkomplizierte Art faszinierte mich. So machten wir uns doch immer alle zu viele Gedanken darüber, was andere von uns denken könnten, was für Schlüsse aus den einfachsten Alltagsentscheidungen gezogen würden. Sein Verhalten wirkte einfach authentisch, er spielte keine Rolle.

Nur war es nicht nur, was er sagt, sondern wie. Seine brummige, tiefe, männliche Stimme berührte mich. Sie tat etwas mit mir, und so etwas ist selten. Stimmen verbinden.

Und wenn man merkt, dass man eine Verbindung mit einer Person hat, dann entkrampft das unheimlich. Ich habe diesen Mann nach etwa 10 Minuten in mein Herz geschlossen. Nicht auf die triefige psycho-amoröse Art und Weise. Manche Menschen sind einfach Herzmenschen. Die berühren einen direkt. Ohne, dass man sie großartig kennt. Bauchgefühle reichen manchmal. Und wir sprechen hier nicht von Liebe.

Nach dem Café gingen wir noch spazieren, ein wenig die Stadt erkunden (er war gerade erst hergezogen und kannte sich noch nicht so aus). Und wieder: Entspannung. Blödsinn reden. Schaufenster schauen. Menschen gucken. Dinge entdecken, die man eigentlich kennt. Wir passierten illegal Baustellen um von Kanten zu schauen, gingen geheime Privatwege, die ich noch nie auch nur beachtet hatte.

Als wir die Altstadt erreichten blieben wir Ewigkeiten vor einem dieser seltsamen Indianerläden stehen, die neben Messern und Mokassins auch allerlei anderen Ramsch verkauften. Eine Gruppe Hobbyfotografen passierte uns, und der Jäger schnappte mich und drehte mich in Pose, eine einzige flüssige Bewegung mit erstaunlich wenig Widerstand meinerseits. Wir lachten und posten und schlenderten weiter, vorbei an den irrwitzigsten Geschäften. Nichts war zu trivial, um kommentiert zu werden. Und so verbrachten wir knappe 3 Stunden damit, über Nichts zu reden und zu lachen.

Ich navigierte uns langsam wieder zu seinem Auto, als wir es scheppern und krachen hörten. Ein Skateboarder hatte ein paar Meter entfernt sein Board zerlegt und fluchte nun wild, völlig in Rage und Ärger trat er weiter auf des angeknackste Brett ein, bis es komplett in Zwei geteilt war. Der Jäger und ich hatten uns als Zuschauer auf einer Bank niedergelassen und beobachteten gespannt, was noch passieren würde. Doch der Skateboarder zog nach völliger Demolierung seines Boards frustriert ab und wir entschieden, als letzte Station des Abends in den 14. Stock des Universitätsgebäudes zu gehen und uns die Stadt bei Nacht (es war mittlerweile etwa 19.30Uhr und entsprechend dunkel) anzuschauen. Oben angekommen stierten wir aus den Fenstern, ich erklärte, welche Gebäude und Plätze wir auf dem Weg hierher passiert hatten. Ich fühlte mich leicht. Es war genau die richtige Mischung an Kontrolle meinerseits und Irrwitz seinerseits.

Und sein subtiles Selbstverständnis, das ich nicht an der Straßenseite ging, er natürlich meinen Kaffee mit gezahlt hatte, ich den Vortritt hatte, er die Türen aufhielt und mich schlussendlich sogar noch die 700m nach Hause fuhr. Nicht auf eine suppressive Art, eher eine Art Wertschätzung meiner Person.

Er hielt vor meinem Graffiti besprühten Wohnblock und wir redeten noch kurz weiter bis der Moment kam, der die Zeit stehen lässt; kurz bevor man sich das erste Mal küsst. Unsere Blicke verfingen sich ineinander. Auch wenn man eigentlich weiß, dass es schön und vielleicht sogar richtig wäre: manchmal ist man dennoch feige. Ich löste meinen Blick von seinem und fragte ihn, ob wir uns wiedersehen würden. Er brauchte einen kurzen Moment und sagte dann: ‚Also weißt du, du hast mir jetzt schon auch die Möglichkeit geklaut, dich das zu fragen.‘ Er grinste und ich lachte.

Ich bedankte mich für den fantastischen Abend und wir merkten erst in diesem Moment, wie lange wir Zeit zusammen verbracht hatten.

Was auch immer in der Zukunft zwischen uns geschehen würde, unser Start versprach ein interessantes Abenteuer.

(to be continued)

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Geisterstunde

Manche Menschen berühren uns sofort und wir sind wie in einem Bann. Wir wollen Zeit miteinander verbringen, das Gegenüber kennenlernen und völlig irrational nie wieder ohne diesen Menschen leben müssen. Zumindest für den Moment. Diese Menschen rühren unser Innerstes auf und hinterlassen Spuren. Spuren der Liebe und der Hoffnung, Spuren von Schmerz und Leid. Spuren von Leben.

Und es gibt Geister.

Geister leben wie Menschen unter uns, doch sie können uns nicht berühren. Nicht absolut gesehen natürlich, sie können schon jemanden berühren, nur eben nicht uns. Sie huschen an uns vorbei, schleichen heimlich durch unser Leben und verschwinden wieder. Ohne jemals eine Spur zu hinterlassen.
Geister sind überall und jeder hat sie. Auch wenn wir sie nicht sehen oder wahrnehmen.
Eine bewusste Begegnung mit ihnen geschieht nur sehr selten und kann äußerst rar dokumentiert werden; werden Geister doch aufgrund ihrer Natur nur in den seltensten Fällen überhaupt wahrgenommen. Die moderne Dating Kultur ermöglicht nun aber auch Geistern in unser Leben zu treten.

Mein Geist war sehr vorsichtig.

Als Frau wird man oftmals angehalten, doch möglichst Acht zu geben, dass man nicht an Irre oder Verbrecher gelangt und sich damit in Gefahr bringt. Der Geist machte mich zu seiner Gefahr. Er hielt mich so sehr auf Abstand, dass es einerseits einfach eine interessante Herausforderung wurde, ihn mal zu treffen , andererseits grenzt es an ein Wunder, dass es überhaupt jemals zu einem Treffen kam.
Auslöser war nach dem ersten etwas dünnen Kontakt ein Gespräch über Musik. Wir hatten endlich ein entspanntes Thema gefunden, dass über Smalltalk hinausgeht und anscheinend selbst ihn mal auftauen ließ. Wie ich später herausfinden sollte, spielte er Bass.
Wir verabredeten uns für ein Bier im Pub und endeten dann doch auf einem Weg-Bier-Spaziergang durch die Stadt. Er arbeitete in einer Firma, die Prothesen und Orthopädische Hilfsmittel auf Maß anfertigt und mit dem Krankenhaus zusammenarbeitet, in dem meine Mutter seit 30 Jahren tätig war. Ich stellte dies heraus und als hätte ich ihm die Jacke weggenommen, verkniff er sich und fand es doch etwas früh, über die Eltern zu sprechen. Ich wollte ihn ja auch nicht gleich zu Hause vorstellen.
Ich fand seine Reaktion etwas seltsam, und ließ daher ihn einfach mal reden. Er erzählte recht emotionslos von einer Asienreise, die er kürzlich unternommen hatte. Irgendwie kamen wir dann auf das Thema Depressionen und hierarchische Strukturen im Handwerk. Wir unterhielten uns angeregt und bemerkten eine ähnliche Einstellung, wenn es zur gesellschaftlichen Wahrnehmung des Handwerks kam. Ich fragte ihn eh sehr aus über seinen Beruf, ich fand es einfach spannend und vor allem anders.
Da er zu frieren begann, ja: er, kehrten wir dann doch ein und tranken abermals Bier. Ich hatte mir angewöhnt, mich für Dates zwar optisch zurecht zu machen, aber möglichst noch authentisch am Alltags-Ich zu bleiben.
Er nicht.
Hoffentlich.
Denn, er trug: eine Bluse.
Eine dieser sackartigen, samt-seidenen schwarzen Blusen, die man in erster Linie mit Künstlern wie Meat Loaf in Verbindung bringt. Die Bluse des Geistes war zwar sicherlich einige Größen kleiner, er war sehr schmal, doch schien sie nicht weniger exzentrisch an diesem sonst so bemüht-dezenten Mann. Zumindest hatte ich eher ein Bandshirt erwartet. Eher Grunge als Glam-Rock. Er hatte sich mit diverse Halskette geschmückt, wie man sie von EMP kennt und trug damit mehr Schmuck, als ich überhaupt besitze. Wir diskutierten und er bremste mich immer wieder aus, warf mir zu radikale Ansichten vor (was mich motivierte, noch provokanter zu argumentieren). Wir redeten über die selben Themen, aber rückblickend in unterschiedliche Richtungen und als würden wir einander gar nicht hören.
Als wären wir in unterschiedlichen schalldichten Räumen gewesen und hätten die jeweiligen Antworten immer nur geraten, statt sie zu verstehen.
Der Abend endete früh. Wir blieben auf der höflich-distanzierten Ebene, die er bemüht aufrechterhielt und ich bedankte mich brav für die gemeinsame Zeit.
Der Geist hatte sich selbst so sehr zurückgehalten, dass kein Profil entstand. Trotz interessanter Gesprächsthemen, trotz mehrerer Stunden Zeit, trotz Alkohol. Ein bisschen, wie eine schlechte Doku zu schauen: das Thema ist vermutlich interessant, aber die Informationen und Aufnahmen sind zu oberflächlich, zu angepasst, um emotional zu involvieren. Schon während der Verabschiedung vergass ich erste Dinge über ihn. Ein weiteres Treffen schien so abwegig, gerade zu unlogisch, dass ich gar nicht darüber nachdachte, dass er dies ja nun auch anders sehen könnte.
Er schickte mir eine mit dem Handy aufgenommene Audiodatei, die nur schwerlich als das Bass-Intro eines meiner erwähnten Lieblingslieder zu erkennen war. Er verhunzte es so sehr, es war geradezu beleidigend.
Er wollte sich also noch einmal mit mir treffen. Da ich möglichst fair mit meinen Mitmenschen umgehen möchte, schrieb ich ihm, dass ich leider nicht sehe, dass wir da selbe wollen und ich leider so gar kein Kribbeln hätte und nun ja, ich wollte ihn nicht wiedersehen.

Ich konnte mich kaum noch an ihn erinnern, er war einfach spurlos durch mich hindurchgehuscht.

Stimmen zählen

Stimmen transportieren so unglaublich viele Meta-Informationen; und je besser wir jemanden kennen, umso mehr Input bekommen wir. Sei es Anspannung, Freude, Unsicherheit, vielleicht sogar eine Lüge, die mit der Stimme verraten wird. Lernen wir neue Menschen kennen, haben wir noch nicht so eine tiefgängige Vorkenntnis; aber es ist wie mit dem Geruch, man muss sich riechen können, ergo auch hören können.

Ich lernte den Terrier auf einer Dating Seite kennen und wir unterhielten uns angeregt über Literatur und Wissenschaft, über Schaumbäder und Hunde. Er wohnte etwas weiter weg, sodass man sich nicht direkt treffen konnte. Die Nachrichten wurden schnell ausufernd lang und wir wechselten zu Emails und Telegram, parallel gab es auch noch postalische Kommunikation. Ein bisschen kitschig, aber auch mal anders.
Der Mann war keine Schönheit (muss er in meinem Buch auch nicht sein), und gerade das gewisse Etwas, die optische Macke, die Zahnlücke, die Segelohren, das Bäuchlein, die knubbelige Nase, irgendetwas Unperfektes, ist es für gewöhnlich, was mein Interesse weckt. Menschen, die zu schön sind, irritieren mich.

Neben netten Gesprächen über besagte Literatur und Hunde und so weiter, begann er mir ein Rätsel zur Lösung zu geben.

Ich hasse Rätsel.

Zumindest diese Art. Diese eigentlich rhetorische ‚Rate mal dies und das‘-Frage und dann kommt tatsächlich eine Pause. Und man muss raten. Was soll das?
Er deutete an, dass sein Kosename seiner Freunde für ihn an einen Disney-Charakter angelehnt sei. Äußerst männlich. Ich ging bewusst nicht weiter darauf ein. Manchmal sind mir Dinge für andere Menschen peinlich und unangenehm, man nennt das wohl Fremdscham. Ich empfinde das vor allem, wenn Dinge geschehen, die ich nicht mag und der andere es nicht wissen kann und ich dadurch negativ reagieren muss. Ich weiß nicht, ob das dann noch Fremdscham ist, oder schon wieder was anderes. Ich habe mal ein Jahr lang Bananen gegessen, weil es mir unangenehm war, zu sagen, dass ich Bananen nicht mochte. Ich kam einfach aus der Nummer nicht mehr raus und habe nach dem Jahr dann den Kontinent verlassen (aus anderen Gründen zwar, dennoch. Und ich mag jetzt Bananen.).
Das Ratespiel konnte ich nicht so leicht umgehen. Ich hätte natürlich den Kontakt abbrechen können, aber eigentlich war er ja auch ganz interessant. Ein Forscher aus einem seltenen Fachgebiet, sehr soziologisch angehaucht, sehr reflektiert, einfach interessant. Da musste doch menschlich auch etwas Interessantes zu finden sein.
Wir redeten über Gott und die Welt und immer wieder kam die Ratefrage auf. Ich hatte noch nicht einen einzigen Versuch gewagt. Nicht einmal reagiert hatte ich, vor Abscheu vor diesem Spiel. Wenn man sich gegenübersteht, erkennt man bei mir leicht, wenn meine Stimmung kippt. Meine Mimik gibt es her, ich kann sie kaum kontrollieren. Chattet man jedoch, sind die gesamten Meta-Informationen der Kommunikation verloren. Keine Stimme, keine Mimik.
Ich gab nach etwa 14 Tagen auf (er war sehr ausdauernd) und begann zu raten. Voller Widerwillen begann ich, Gegenfragen zu stellen. Aus welchem Disneyfilm der Name denn käme? Ob es das Dschungelbuch sei, oder Mulan beispielsweise (Forschungsgebiet mit Verbindung zu Asien). Die Filme waren falsch, ganz falsche Richtung (und ich war mir doch so schlau vorgekommen, dass ich soweit gedacht hatte) und verraten würde er es mir natürlich auch nicht einfach. Weiter ging es mit den Ausschluss-Fragen. Ob der Film nach 2000 erschienen sei. Ja. Ja, nun, das ist ja schon mal ein Anfang. Ich schaute die Liste der Disneyfilme, die nach 2000 erschienen waren auf Wikipedia nach und fragte mich durch. Keiner passte. Ich probierte die späten 1990er. Kein passender Film. Ich verspürte ein leichtes Rauschen in den Ohren.
Warum also weitermachen? Nun ja, das ist die Crux, so sehr ich auch das Raten verabscheue, noch weniger gern gebe ich auf und habe womöglich Unrecht. Dieses Phänomen kommt tatsächlich vorwiegend im Zusammenhang mit Ratespielen vor. Verbissen und wütend hackte ich auf meiner Tastatur rum, forschte, ob ich vielleicht eine unvollständige Liste hätte, etc.. Verlieren war keine Option. Und der Terrier hatte keine Ahnung, wie verbissen ich an dieser Aufgabe arbeitete. Andere wären ja auch ganz schnell darauf gekommen (ja super, das hilft). Ich fragte ihn also, ob er sicher sei, dass es ein Disney Film war (Pixar hatte ich wohlwissentlich schon mit einbezogen). ‚Also bisher hätten es alle (!) (wieviele arme Seelen mussten diese Höllenqualen schon durchleiden?) recht schnell gewusst, welcher Film und er würde nochmal kurz nachschauen, aber seit Jahren hätte niemand diese Information angezweifelt.
Es war natürlich kein Disney Film.
Es war eine völlig andere Produktionsfirma von Animationsfilmen. Ich raste vor Wut. Wie konnte es sein, dass dieses so zentrale Detail eine falsche Information war? Wie konnte NIEMANDEM aufgefallen sein, dass es KEIN Disney Film war? (gehen wir an dieser Stelle mal davon aus, dass es wirklich Freunde waren, die ihm diesen Namen gaben und er es sich nicht traurig aus den Fingern gesogen hatte). Wie ignorant die Menschen sind! Oh, es ist ein Kinderfilm? Muss Disney sein.
Ich kannte nun also den Titel des Films, ich hatte ihn auch vor etwa 15 Jahren gesehen und hatte kaum Erinnerung daran. Ich las also den Inhalt nach, schaute mir die Charaktere an und kam schließlich aufgrund der Fachrichtung seiner Forschung auf ‚Sidd‘. Vermutlich als Kurzform für Siddharta.
Ich bekam Sodbrennen von der emotionalen Erregung und der Wut, die weiterhin in mir loderte und dem Fremdscham, oder was immer es war, über diesen bekloppten Namen.

Der arme Mann konnte ja nichts dafür, dass ich solche Spielchen hasste, dass es das Schlimmste in mir hervorbringt.
Ich keifte ihn an (schriftlich), was denn das doch für ein Bullshit wäre, mich nach einem KINDERfilm suchen zu lassen, mit falschen Hinweisen und dabei hätte er doch einfach ‚Hesse‘ sagen können. Wer er denn denke, wer ich sei, dass ich eher einen Kinderfilm kennen würde, als große deutsche Literatur, über die wir ja auch regelmäßig geschrieben hatten (nicht über Hesse bisher, aber bitte!). Er hätte mich doch viel besser ‚testen‘ können, indem er nach Hesse fragte. Sein Versagen ein (wenn auch verabscheutes) durchdachtes, cleveres Spiel zu spielen, bereitet mir körperlichen Schmerz.
Die Summe aus Ratespiel-Wut, passiver Aggression und falschen Hinweisen liess mich den Chat für diesen Tag beenden wollen. Er merkte wohl, dass ich nicht so begeistert war und er entschuldigte sich mit einem seltsamen, ungewolltem soft-Nacktbild aus der Badewanne und einer Sprachnachricht.
Zugegebenermaßen, seine Chancen, damit wieder etwas gut zu machen, waren gering. Das Bild konnte ich nicht mehr ungesehen machen, es sprang mir förmlich entgegen, viel nackte, nasse Männerhaut. Jugendfrei, aber seltsam. Ein Buch bedeckte das beste Stück und die haarigen nassen Beine waren eigentümlich verdreht. Ich erschauderte kurz, vermutlich wegen der Überraschung über dieses Bild, Reste der Rate-Wut schoßen auch noch immer durch meine Blutbahn.
Die Sprachnachricht also noch.
Was konnte er schon Schlimmes sagen?
Nur Mut.
Hör es dir an.
Ich sprach mir selbst gut zu, setzte meine Kopfhörer auf und startete die Nachricht.

Meine Teetasse rutschte mir aus der Hand. Ein tiefes Schaudern erfasste mich und meine Brust zog sich zusammen, mein ganzer Körper reagierte auf diese Stimme! Völlig irrelevant, was er sagte. Als würde er stimmlich einen Nerv treffen und mich damit quälen wollen. Meine Kiefer pressten sich zusammen, mein Rücken krümmte sich, meine Arme verschränkten sich schützend vor meinem Körper. Eine körperlich manifestierte Abneigung gegen seine Stimme. So etwas hatte ich noch nie erlebt.
Menschen sind so eigen und so sind es Stimmen. Aber wie bei Gerüchen ist es so, entweder, man mag sie, oder man mag sie nicht. Man muss einen Menschen riechen können und aber auch gern zuhören. Seine Kadenz und Stimmmelodie war mir so zuwider, ich konnte es nicht in Worte fassen. Es nicht ertragen, es ein weiteres Mal zu hören und doch: ich war neugierig. War es die Rate-Wut oder die Stimme selbst die ich abstoßend fand? War es bedingt? War ich voreingenommen? War ich unfair?

Einige Zeit später versuchte ich es erneut, mit dem selben Effekt. Ein leichtes Sodbrennen, krampfiges Verkrümmen des Torsos, das Bedürfnis, den Körper und das Gesicht mit den Armen zu schützen. Seine Stimme war mir so unangenehm, berührte mich so peinlich und unerträglich, dass ich nie wieder eine Sprachnachricht an ihn sandte, aus Angst, er könnte mit einer solchen Antworten.

Warum aber überhaupt noch Kontakt halten, wenn doch so eindeutig ist, dass er einen solchen Effekt auf mich hatte? – Neugierde. Manchmal treibt sie uns dazu, Dinge zu tun und weiterzumachen, die gegen unser Innerstes gehen, nur um zu schauen, was passiert und wie lange wir durchhalten. Wieviel wir ertragen können.

Wie Gaffer bei einem Unfall.

Der Zauberer

Wir haben heute gefühlt 2 Millisekunden Zeit, jemanden von uns zu überzeugen. Viel länger dauert es nicht, ein Bild anzuschauen und sich zu entscheiden, zu welcher Seite man wischt. Lieber einmal zu viel gewischt, als aus versehen Kontakt aufzunehmen. So ist unsere Partnersuche heute gestrickt. Photoshop und krampfige Körperhaltungen.

Ich entschied mich gegen ein gestelltes Bild und für einen Fantasy-Dämon. Die inneren Werte zählen schließlich. Auch beim Online-Dating.

Wer aber ist mutig genug, sich darauf einzulassen?

Wie sich herausstellen sollte: Zauberer.

Der Erstkontakt im Chat verlief gut bis nerdig. Ein kurzer Austausch der Befindlichkeiten, ein kurzes Abchecken des Berufslebens, eine schnelle Entscheidung für ein Bier im Pub. Eine anschließende Diskussion über das Reisen zwischen Paralleluniversen sicherte einen gemeinsamen Grad an Individualität. Vielversprechend also, einen angenehmen Abend zu erleben.

Lief also.
Vor allem die Schweißperlen auf seiner Stirn, als er 5 Minuten zu spät mit dem Fahrrad vor dem Pub ankam.
Da er nicht wusste, wie ich aussehe (ein waschechtes semi-Blind-Date also) schlenderte ich auf ihn zu, um ihm Zeit zur Fahrradsicherung zu geben.
Er verbrachte unnatürlich lange mit seinem Fahrradschloß und ich konnte den ersten Blickkontakt und die sperrige Fahrrad-Schloss-Situation nicht mehr voneinander trennen.
Wie gern hätte ich ihm diesen Gefallen getan. Doch da lag der Schlüsselbund auch schon auf dem Boden – verlegene Blicke, seltsame Körperhaltungen (wie seltsam sich Körper um Fahrrad winden können…), und versucht-lässige Worte. Gefolgt von einem umständlichen Aufheben des Schlüssels.

Aus meiner anfänglichen, nervösen Aufregung wurde tiefe, fast schon meditative Ruhe.
Die Art von Ruhe, die man bekommt, wenn man in einer Prüfung sitzt und merkt, dass man es mehr drauf hat als der Prüfende (eine ewig-unerfüllte Traumvorstellung von mir).
Ich lehnte mich innerlich zurück. Atmete tief durch.
Welch Luxus, sich einfach mal fallen zu lassen, zu beobachten, ohne die eigene Wahrnehmung durch Adrenalin zu verfälschen. Herrlich.

Wir betraten den Pub nach einer schwitzigen Umarmung und einer halbherzigen Entschuldigung für sein Zuspätkommen. Na, immerhin hatte er es gemerkt.
Er zog unschlüssige Blicke durch den sehr leeren Raum, geradezu hilflos suchend nach einem Platz der passend war (es waren etwa 8 andere Menschen anwesend, inklusive Personal). Er dreht sich um, und bat mich, einen Platz zu wählen.
Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass an diesem Abend die Macht der Entscheidung auf diese Art auf mich übertragen wurde. Es fühlte sich so gar nicht nach einem gleichberechtigten, respektvollen Einbeziehen meiner Meinung an; es schwang eher eine subtile Hilflosigkeit mit. Meine offenbar verunsichernde Ruhe half ihm auch nicht gerade. Und ich sah wohl besser aus, als er erwartet hatte.
Ich entschied mich also für Tisch und Sitzplatz und wir bestellten unsere Biere, nachdem er unnatürlich lange in die Karte geschaut hatte. Verlegenheit. Panik. Ohnmacht. Alles war von seiner Seite ab hier möglich.

Gespannt beobachtete ich, wie er langsam runterkam und zu erzählen begann. Interessiert gab ich die gute Zuhörerin und wurde mit mittelmäßig Alltäglichkeiten belohnt. Nach etwa 5 Minuten engagiertem Monolog wurde mir klar, dass meine vornehme verbale Zurückhaltung anscheinend sehr motivierend wirkte.
Offenbar war ich nicht mehr ganz die unnahbare Eiskönigin für ihn, und war nun mit seiner sehr hohen Wortfrequenz in Schach zu halten. Und was ich nicht alles erfahren durfte in diesen ersten 90 Minuten Ansprache:
Kindheitserinnerungen, Familiendramen, Kollegenstories, das volle Programm. Inklusive Aussage wie: „Also mein Vater ist verstorben, das’ aber auch besser so. Mal ehrlich.“. Diese Aussage ist nicht nur ohne Kontext gruselig, sondern lässt auch rein mental tief blicken.
Ich bin kein Fan von Smalltalk, aber Seelenstriptease innerhalb der ersten 15 Minuten?
Nein, danke.
In einer Atempause, in der er sich einen Schluck Bier gönnte (kauen hielt ihn nicht vom Reden ab) ergriff ich die Gelegenheit und fragte ihn nach seinem ungewöhnlichen Vornamen. Ich erwartete eine umfangreiche, geradezu abenteuerliche Geschichte. Meine Vermutung war eine literarische oder historische Verbindung der Eltern nach Wales, zumindest eine Vorliebe für Geschichten, in denen walisische Zauberer vorkamen –
Nichts dergleichen. Seine Mutter hätte einfach den Namen gern gemocht. Er schien fast irritiert von meiner plötzlichen offensiven Kommunikation, die durch seine unspektakuläre Antwort jedoch schnell wieder auf ein Minimum reduziert wurde.
Während er also sprach und aß und trank, nippte ich an meinem Bier (ich hatte ja nichts zu tun, außer interessiert zu schauen, ermutigend zu nicken und wach zu bleiben).
Da ich nichts vertrage, hielt sich das alkoholische Ausmaß glücklicherweise in Grenzen. Zwei kleine Bier für mich, drei große für ihn und das Essen (ich esse nicht gern vor Menschen, die ich nicht kenne).

Endlich: Der große Moment kam.
Ich war so dankbar.
Die Servicekraft unseres Bereichs wollte abrechnen, ihre Kollegin würde gleich übernehmen. Der perfekte Moment, die Szene neu zu gestalten. Eine Möglichkeit für ihn zu Punkten und sich männlich zu fühlen; eine perfekte Möglichkeit für mich, wach zu werden, das Gespräch zu drehen, infinite Möglichkeiten.

Sie kam, sah und fragte ihn, explizit, durch Augenkontakt unverkennbar: ihn, die große Frage: „Geht das getrennt oder zusammen?“
Große Männer sind schon an dieser Frage gescheitert. FeministInnen sind sich uneins. Ganze Gesellschaften stehen im Clinch, wegen dieser einen Frage. Das Problem sind nicht die monetären Mittel (meistens). Das Problem ist die Message. Die soziale Kodierung der Handlung. Verbunden mit Konventionen und Erwartungen. Eine große Sache also.
Verlässlich, wie sich mein Gegenüber bisher gezeigt hat, löste sich sein Blick von der jungen Dame und wandte sich an mich: „Was meinst du denn?“. Die selten seltsamste Art mit dieser Situation umzugehen.
Konventionell hätte er gezahlt. Nicht nur wegen der ganzen gentleman-illusion, er hat auch mehr konsumiert. Seine Hälfte der Rechnung war deutlich höher. Seine Frage jedoch hat absolut ausgeschlossen, dass dies eine valide Option wäre. Es blieben mir nur zwei Optionen, ohne eine Szene zu machen. Getrennt zahlen, oder ich zahle alles. Zweiteres wäre seltsam gewesen, nicht, weil ich eine Frau bin, sondern weil mein Konsum geringer war. Getrennt also. Umständliches Herauspulen von Kleingeld seinerseits (ich möchte an dieser Stelle betonen, dass der Mann in Lohn und Brot stand. Es geht mir nicht darum, mein Bier nicht zu zahlen, mehr seine Art, die Situation zu handlen, war irritierend). Mein Trinkgeld war höher als seines. In absoluten Zahlen und Prozentual. Lächerlich.
Gefühlt fünf lange stille Minuten schwiegen wir uns an, dann, fragte er, ob wir Spazierengehen wollten. Naja, wenigstens frische Luft, und vielleicht würde sich durch das wechselnde Umfeld die Interviewsituation legen.
Nach umständlicher Debatte über die Fahrradmitnahme seinerseits (er hat es nicht mitgenommen) ging es Richtung Innenstadt und meinem Stadtteil. Angeschackelt wie ich war, hielt ich es für eine grandiose Idee, ihn zu meiner Begleitung nach Hause zu nötigen und ihn dann heimzuschicken. Zumindest in die Nähe meiner Wohnung, meine genaue Adresse wollte ich nicht offenbaren, er hat auch nicht gefragt.
Das Vibe-Level lag im absolut negativen Bereich, das Bier hatte nicht geholfen. Ich hielt einen grundsätzlichen Sicherheitsabstand von mindestens geschätzten 60 cm und hielt meine sehr warmen Hände in meinen Jackentaschen versteckt. Bloß kein Risiko eingehen. Mein betrunkener Kopf ist da manchmal sehr analytisch. An einem Punkt meinte mein Date jedoch, ungezwungen Körperkontakt aufbauen zu wollen. Welch naive Tat. Abgelenkt von mir selbst und den bunten Lichtern der Stadt rechnete ich nicht mit einer Berührung meiner Schulter, zuckte zusammen und machte einen Satz von ihm weg. Totaler Abstand nun etwa 1,20 m. Verlegene Blicke, kontinuierliches Monologisieren von ihm. Wir waren mittlerweile beim Inhalt seiner Diplomarbeit angelangt. Gute Güte, für sowas bekommt man also einen Abschluß. Er schien kein Ende zu nehmen. Ich döste im Gehen weiter vor mich hin und blieb schließlich an der Bahnstation stehen, die noch irgendwie sinnvoll nah an meinem Wohnhaus lag (etwa 15 Gehminuten).
Worte können nicht beschreiben, wie dankbar ich war, dass er den Wink verstand. Der Abschied verlief ähnlich umständlich, wie es mit der Begrüßung begonnen hatte. Ich drehte mich um, zog meine Kopfhörer aus der Tasche und Schritt gen Heimat. Kein Wort von ihm, ob ich es weit hätte, wo ich hinmüsste (wir waren an einem Ort, an dem eindeutig niemand wohnt), oder ein floskeliges ‚Komm gut heim.‘. Nichts dergleichen.
Ich war gar nicht da für ihn.
Er hatte mir exakt zwei Fragen gestellt im Laufe des Abends. Wo wir sitzen, und wer zahlt.
Abgesehen von seiner Hand an meiner Schulter hat mich dieser Mensch nicht berührt. Er schien nett, etwas unsicher und mit einem etwas seltsamen Humor. Aber grundsätzlich rechtschaffend gut.
Er wird sein Gegenstück finden, da bin ich sicher. Meine Ohren sind jedoch nicht belastbar genug.
Und auch, wenn er wohl begeistert war von meiner entspannten Art zuzuhören, so hat er mich doch leider so gar nicht verzaubert.