Great Expectations

1 Tag, 24 Stunden, 1440 Minuten, 86400 Sekunden.

Wie auch immer man Zeit angeben will, sie ist für uns alle gleichlang. Was sich unterscheidet, sind unsere Gewohnheiten, individuelle Bedürfnisse, Lebenswege, und Prioritäten.
Vor ein paar Wochen wurde ich mit dem Konzept konfrontiert, dass ‚keine-Zeit-haben‘ eigentlich Quatsch ist. Denn, es haben ja alle die gleichen 1440 Minuten am Tag. Es ist doch eher so, dass wir individuell unterschiedliche Prioritäten setzen und daher unsere Zeit anders nutzen möchten. Eine Aussage wie: „Ich hab keine Zeit für dich“, heißt also eigentlich eher: „Ich habe andere Prioritäten als dich“.
Das mag sich nicht immer toll anfühlen. Aber wenn man mal ein wenig in sich geht, ist es gut nachvollziehbar. Es gibt Situationen, da ist man schlichtweg nicht wichtig für andere. Und das ist auch gut so! Es ist doch irgendwie schlimm, wenn jemand einen seltenen Besuch von Person A nicht wahrnehmen würde, weil ein viertes Treffen in der selben Woche mit Person B sonst flachfallen würde. Oder die wöchentliche Zeit-für-mich (Sport, Meditation, Schreiben, Hobbies, etc.) immer wieder ausfallen müsste, weil Andere mehr Priorität haben. Was wenn man seine Familie oft sehen möchte, oder auch mal nicht. Ist das egoistisch? Oder gutes Management? Unser ganzes Leben besteht aus Entscheidungen: was ziehe ich an, was esse ich, wohin gehe ich, wann stehe ich auf, wie oft dusche ich am Tag, mit wem rede ich, was kaufe ich ein (und löse mit diesen Entscheidungen wahnsinnig viele andere Prozesse aus), welche Transportmittel nutze ich (ich will nun ganz sicher nicht noch von diesen globalen Folgen anfangen). Entscheidungen, Entscheidungen, Entscheidungen. Und wir sind mitten drin und setzen Prioritäten.
Oftmals werden Entscheidungen als Streß empfunden. Und ich weiß nicht, ob es am Zeitgeist liegt, oder an meinem Alter, meinen Erfahrungen bisher im Leben oder der Digitalisierung. Oftmals werden Entscheidungen mit Erwartungen gekoppelt und ab da wird es sozial vertrackt. Wären Erwartungen nicht Teil der Gleichung, so wären Entscheidungen ein ziemlich rationales Geschäft. Ein nüchternes Pro und Kontra. Eine Liste, die wohl die meisten Menschen schon mal gemacht haben. Und Teil diese Liste ist in den meisten Fällen die Befindlichkeit der anderen Menschen. Also die Erwartungen, die andere von uns haben.
Bei den hunderten von Entscheidungen jeden Tag beziehen wir unsere Mitmenschen mit ein, mal mehr, mal weniger. Und ab hier wird es richtig chaotisch. Jede an der Situation beteiligte Person hat Erwartungen und handelt so, dass es den bestmöglichen Outcome für sich selbst gibt (je nach Priorität der Situation für das Individuum). Gehen wir mal von einer demokratischen Gesellschaft aus, sodass Kompromiss durchaus die ideale Lösung sein kann. Aber Zeit ist kompromisslos manchmal. Aufmerksamkeit auch.

Ich habe neulich bei Tinder einen Mann kennengelernt und die ersten Nachrichten waren nett und unkompliziert. Da mich die Rhetorik der ersten Nachrichten meist eher langweilt (es ist ja doch immer der gleiche smalltalk, denn es zu überwinden gilt, um richtig ins Gespräch zu kommen. Man kennt sich schließlich überhaupt nicht.), hatte ich schnell ein Treffen vorgeschlagen. Diese Entscheidung (!) habe ich getroffen, da der Nutzen, ganz rational betrachtet, bei einem Treffen größer ist. Denn auch wenn das Schreiben vorher nett ist, kann es sein, dass man sich gegenübersteht und einfach nur NEIN denkt.
Folgende Entscheidungen sind bis zum ersten Treffen mindestens gefällt worden:
* wischt mein Finger nach links oder nach rechts
* schaue ich mir das Profil in Ruhe an, bevor ich wische, oder wische ich einfach.
* Oh, ein Match! Suche ich weiter oder schreibe ich dem Menschen direkt?
* Schreibe ich zuerst? Oder warte ich? Aber wie lange?
* Gesetzt ich schreibe zuerst: Gebe ich mir Mühe? Benutze ich Standardphrasen, die mich nicht weit bringen, aber den Anfang machen für etwas, was vermutlich nicht sehr fruchtbar sein wird, weil ich mir nicht mal die Mühe mache, etwas individuelles zu schreiben?
* Kriege ich eine Antwort von Person B?
* Halte ich das Gespräch aktiv am Laufen? Stelle Fragen? Bin aufmerksam?
* Initiiere ich ein Treffen?
* An welchem Wochentag? Lasse ich etwas anderen dafür ausfallen (Priorität!)?
* Um welche Uhrzeit? (abends kann suggestiv sein, morgens aber auch, wie lange plane ich ein?)
* Was für eine Aktivität plant man? Essen? Trinken? Spazieren gehen? Draußen, drinnen? Alkohol? Tee? Kaffee? Frühstück? Kino? Theater? Museum?
* usw.

Es ist erschreckend und ernüchternd, dass wir so viele Entscheidungen treffen und mittlerweile mit einem gewissen Kalkül, vor allem im Kontext Dating. Aber irgendwie liegt es auch in der Natur der Sache, bzw. den Wegen, die wir heute nutzen, um jemanden kennenzulernen.
Einerseits leben wir in einer Gesellschaft, in der Effizienz und Rationalität als etwas erstrebenswertes gilt. Multitasking, immer überall dabeisein (Prioritäten!), alles mitbekommen und immer erreichbar sein. Und gleichzeitig wird uns eine romantische Idee verkauft. Nämlich, dass trotz all dieser rationalen, zumeist digitalen Entscheidungen am Ende eine Emotion steht. Und zwar für beide. Möglichst die selbe.
In diesem Prozess muss erst einmal das Produkt getestet werden. Vor einem persönlichen Treffen ist man Selbstmarketing ausgesetzt. Jede und jeder verkauft sich so gut es möglich ist. Je nach Priorität. Und diese Phrasen und Floskeln lassen sich erst hinterfragen und wirklich verstehen, wenn man sich erlebt. Im echten Leben. Und dazu kommen nun die Erwartungen, die sich aus den Prioritäten der Vorentscheidungen ergeben. Hoch Komplex. Irgendwie faszinierend, dass sich all das in ein fester Format zwängen lässt und ergibt, dass sich Menschen tatsächlich treffen.
So kam es nun, dass ich mich mit Person D traf. Ein gemeinsamer Spaziergang an einem belebten Ort, unter der Woche, abends (Sicherheit durch andere Menschen; ‚freien‘ Abend hergegeben; frühes Ende, da Arbeit am nächsten Tag). Das Treffen verlief sympathisch und nett, was Humor angeht, mussten wir uns ein wenig aneinander herantasten, aber am Ende des Treffens stand eine weitere Verabredung.
Während des ersten Treffens bereits sagte ich Person D, dass ich oftmals länger brauche, um auf Nachrichten zu antworten. Das sei nichts Persönliches, einfach eine Tatsache. Es ginge auch nicht um tagelang Funkstille, aber manchmal dauert es einfach, bis ich mir die Zeit nehmen kann und will. Ich mag nicht (oder habe die Entscheidung getroffen) dauernd auf mein Telefon schauen, ich möchte mich auch gern auf Menschen konzentrieren, wenn ich sie sehe. Er würde es ja sicherlich auch als unhöflich empfinden, wenn ich während des Spaziergangs Nachrichten an andere Menschen geschrieben hätte.

Alles kein Problem. Bis nach dem zweiten Treffen (am Wochenende!, mehr Zeit!, heilige Freizeit!).
Während des zweiten Treffens fragte mich Person D, ob ich Lust hätte, am folgenden Wochenende einen Tag ans Meer zu fahren mit ihm. Nach zwei Treffen, die schön aber (für mich) nicht aussagekräftig genug waren, um eine Entscheidung für ein solches zeitliches Engagement zu treffen, eine große Frage. Ich sagte, ich würde es mir überlegen  und im laufe der Woche Bescheid geben.
Am nächsten Tag (Montag) schrieben wir kurz, jedoch nicht zum Thema Meer. Am Dienstag hatte ich Besuch (Prioritäten) und ließ mein Handy ungeachtet im Regal liegen. Wie konnte ich nur. Als ich mir am nächsten Tag die Rage-Nachrichten von Person D durchlas, war ich fassungslos. Er warf mir tatsächlich vor, ich würde mir ja nicht mal die 30 Sekunden nehmen, ihm zu Antworten und zwei Tage auf eine Antwort für den Meer-Tag zu brauchen, sei eine klare Aussage von mir.
War es auch. Ich hatte andere Prioritäten. Ich habe in der Zeit Menschen gesehen, die mir bereits wichtig sind (was er ja potenziell hätte erreichen können, aber nicht nach zwei Treffen und einer etwas überdimensionierten Planung, gemeinsam ans Meer zu fahren). Ich habe nicht neben meinem Handy gesessen und auf Nachrichten von ihm gewartet. Wie kann ich denn auch jemandem, der nichtmal weiß, wie ich mit Nachnamen heiße, die gleiche Priorität geben, wie Personen, die mir bereits wichtig sind.

Seine Erwartung war eine Andere. Er wollte bedingungslose Aufmerksamkeit ab der ersten Nachricht. Und wenn es sich für mich richtig angefühlt hätte, wäre das vielleicht sogar passiert.

Meine Erwartung war: wenn es gut läuft, dann wird sich meine Priorisierung verschieben. Den Kontakt wachsen lassen und sich langsam einen Weg in mein Leben bahnen lassen. Er wollte alles oder nichts ab der ersten Entscheidung.
So ist man halt verschieden und geht nun wieder getrennte Wege.

Groll ihm gegenüber empfinde ich nicht, da haben andere Menschen und Dinge gerade eine höhere Priorität.

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Waidmannsheil [Interjektion]

Der Jäger begann perfekt. Ich nutze dieses Wort nicht leichtfertig. Es war wirklich perfekt. Für mich, für die Menschen, mit denen ich diese Geschichte bisher geteilt habe. Für den Jäger vermutlich auch. Nur anders vielleicht. Aber dazu später einmal mehr.

Wenn man bei Tinder die erste Chat-Hürde überwunden hat (wer schreibt wen an und was zum Henker schreibt man da eigentlich?), hat man im Prinzip schon gewonnen. Und wenn dann auch noch eine Partei ein Treffen vorschlägt, bevor der Chat seltsam wird, sollten in den heutigen Zeiten eigentlich schon die Hochzeitsglocken läuten. Virtuell natürlich. Vorausgesetzt Person B sagt ja zum Treffen.

Ich war 25 Minuten vor der verabredeten Zeit im Café; ich bin gern früh da, um die Lage zu checken und um einen kurzweiligen Heimvorteil zu haben. Kein seltsames Jacke-ausziehen oder Nase-schniefen von der Kälte draußen. Relaxt Herr der Lage sein und tief durchatmen, bevor die Show beginnt.

Denn seien wir mal ehrlich, es ist alles eine Show. Die Profil-Bilder, die semi-intellektuellen Sprüche im Profil. Die prätentiös tiefsinnig Musikauswahl für die eigene Hymne.

Berechnende Fiktion auf drei Ebenen.

Und dann betrat der Jäger das Café und war einfach toll. Er war ebenfalls zu früh (15 Minuten), sein erster +-Punkt. Groß, bärtig, männlich, tolle Augen. Ich suchte seinen Blick um ihm zu signalisieren, dass ich ich bin; und er sah mich und drehte sich nicht zur Flucht um. Ein solider Start also.

Als der Jäger sich setzte wurde ich aufgeregt. Nicht so, als hätte ich eine Deadline vergessen und müsste nun in 15 Minuten 20 Seiten Abhandlung abgeben. Eher diese seichte schöne Aufregung, die man früher an Heilig Abend hatte. Vor der Bescherung. Der Jäger ließ mich Weihnachten fühlen, ohne, dass wir bisher großartig Worte gewechselt hatte. Er hatte eine kompromißlos entspannte Körpersprache, Selbstbewusstsein, und Humor. Das komplette Paket. Und das Beste: eine tiefe Erzählerstimme mit einem leicht nordischen Einschlag.

Wir stiegen seicht in die Unterhaltung ein; Smalltalk, den wir im Chat vermieden hatten. Er erzählt mehr als ich erwartet hatte und befürchtete schon, dass sich dieses Treffen wie das vorherige mit dem Zauberer anfühlen würde. Doch er erzählte vom Hof seiner Eltern, von seiner Ausbildung zum Landwirt, von seiner Zeit als Soldat, vom Jagen. Und riss die Ereignisse nur an, ich hatte so viele Fragen in meinem Kopf und fand alles spannend, was er berichtete.

Seltsame Gesprächspausen gab es keine und er bestellt sich ein belegtes Brötchen mit ‚was halt weg muss‘. Seine bodenständige, unkomplizierte Art faszinierte mich. So machten wir uns doch immer alle zu viele Gedanken darüber, was andere von uns denken könnten, was für Schlüsse aus den einfachsten Alltagsentscheidungen gezogen würden. Sein Verhalten wirkte einfach authentisch, er spielte keine Rolle.

Nur war es nicht nur, was er sagt, sondern wie. Seine brummige, tiefe, männliche Stimme berührte mich. Sie tat etwas mit mir, und so etwas ist selten. Stimmen verbinden.

Und wenn man merkt, dass man eine Verbindung mit einer Person hat, dann entkrampft das unheimlich. Ich habe diesen Mann nach etwa 10 Minuten in mein Herz geschlossen. Nicht auf die triefige psycho-amoröse Art und Weise. Manche Menschen sind einfach Herzmenschen. Die berühren einen direkt. Ohne, dass man sie großartig kennt. Bauchgefühle reichen manchmal. Und wir sprechen hier nicht von Liebe.

Nach dem Café gingen wir noch spazieren, ein wenig die Stadt erkunden (er war gerade erst hergezogen und kannte sich noch nicht so aus). Und wieder: Entspannung. Blödsinn reden. Schaufenster schauen. Menschen gucken. Dinge entdecken, die man eigentlich kennt. Wir passierten illegal Baustellen um von Kanten zu schauen, gingen geheime Privatwege, die ich noch nie auch nur beachtet hatte.

Als wir die Altstadt erreichten blieben wir Ewigkeiten vor einem dieser seltsamen Indianerläden stehen, die neben Messern und Mokassins auch allerlei anderen Ramsch verkauften. Eine Gruppe Hobbyfotografen passierte uns, und der Jäger schnappte mich und drehte mich in Pose, eine einzige flüssige Bewegung mit erstaunlich wenig Widerstand meinerseits. Wir lachten und posten und schlenderten weiter, vorbei an den irrwitzigsten Geschäften. Nichts war zu trivial, um kommentiert zu werden. Und so verbrachten wir knappe 3 Stunden damit, über Nichts zu reden und zu lachen.

Ich navigierte uns langsam wieder zu seinem Auto, als wir es scheppern und krachen hörten. Ein Skateboarder hatte ein paar Meter entfernt sein Board zerlegt und fluchte nun wild, völlig in Rage und Ärger trat er weiter auf des angeknackste Brett ein, bis es komplett in Zwei geteilt war. Der Jäger und ich hatten uns als Zuschauer auf einer Bank niedergelassen und beobachteten gespannt, was noch passieren würde. Doch der Skateboarder zog nach völliger Demolierung seines Boards frustriert ab und wir entschieden, als letzte Station des Abends in den 14. Stock des Universitätsgebäudes zu gehen und uns die Stadt bei Nacht (es war mittlerweile etwa 19.30Uhr und entsprechend dunkel) anzuschauen. Oben angekommen stierten wir aus den Fenstern, ich erklärte, welche Gebäude und Plätze wir auf dem Weg hierher passiert hatten. Ich fühlte mich leicht. Es war genau die richtige Mischung an Kontrolle meinerseits und Irrwitz seinerseits.

Und sein subtiles Selbstverständnis, das ich nicht an der Straßenseite ging, er natürlich meinen Kaffee mit gezahlt hatte, ich den Vortritt hatte, er die Türen aufhielt und mich schlussendlich sogar noch die 700m nach Hause fuhr. Nicht auf eine suppressive Art, eher eine Art Wertschätzung meiner Person.

Er hielt vor meinem Graffiti besprühten Wohnblock und wir redeten noch kurz weiter bis der Moment kam, der die Zeit stehen lässt; kurz bevor man sich das erste Mal küsst. Unsere Blicke verfingen sich ineinander. Auch wenn man eigentlich weiß, dass es schön und vielleicht sogar richtig wäre: manchmal ist man dennoch feige. Ich löste meinen Blick von seinem und fragte ihn, ob wir uns wiedersehen würden. Er brauchte einen kurzen Moment und sagte dann: ‚Also weißt du, du hast mir jetzt schon auch die Möglichkeit geklaut, dich das zu fragen.‘ Er grinste und ich lachte.

Ich bedankte mich für den fantastischen Abend und wir merkten erst in diesem Moment, wie lange wir Zeit zusammen verbracht hatten.

Was auch immer in der Zukunft zwischen uns geschehen würde, unser Start versprach ein interessantes Abenteuer.

(to be continued)

Geisterstunde

Manche Menschen berühren uns sofort und wir sind wie in einem Bann. Wir wollen Zeit miteinander verbringen, das Gegenüber kennenlernen und völlig irrational nie wieder ohne diesen Menschen leben müssen. Zumindest für den Moment. Diese Menschen rühren unser Innerstes auf und hinterlassen Spuren. Spuren der Liebe und der Hoffnung, Spuren von Schmerz und Leid. Spuren von Leben.

Und es gibt Geister.

Geister leben wie Menschen unter uns, doch sie können uns nicht berühren. Nicht absolut gesehen natürlich, sie können schon jemanden berühren, nur eben nicht uns. Sie huschen an uns vorbei, schleichen heimlich durch unser Leben und verschwinden wieder. Ohne jemals eine Spur zu hinterlassen.
Geister sind überall und jeder hat sie. Auch wenn wir sie nicht sehen oder wahrnehmen.
Eine bewusste Begegnung mit ihnen geschieht nur sehr selten und kann äußerst rar dokumentiert werden; werden Geister doch aufgrund ihrer Natur nur in den seltensten Fällen überhaupt wahrgenommen. Die moderne Dating Kultur ermöglicht nun aber auch Geistern in unser Leben zu treten.

Mein Geist war sehr vorsichtig.

Als Frau wird man oftmals angehalten, doch möglichst Acht zu geben, dass man nicht an Irre oder Verbrecher gelangt und sich damit in Gefahr bringt. Der Geist machte mich zu seiner Gefahr. Er hielt mich so sehr auf Abstand, dass es einerseits einfach eine interessante Herausforderung wurde, ihn mal zu treffen , andererseits grenzt es an ein Wunder, dass es überhaupt jemals zu einem Treffen kam.
Auslöser war nach dem ersten etwas dünnen Kontakt ein Gespräch über Musik. Wir hatten endlich ein entspanntes Thema gefunden, dass über Smalltalk hinausgeht und anscheinend selbst ihn mal auftauen ließ. Wie ich später herausfinden sollte, spielte er Bass.
Wir verabredeten uns für ein Bier im Pub und endeten dann doch auf einem Weg-Bier-Spaziergang durch die Stadt. Er arbeitete in einer Firma, die Prothesen und Orthopädische Hilfsmittel auf Maß anfertigt und mit dem Krankenhaus zusammenarbeitet, in dem meine Mutter seit 30 Jahren tätig war. Ich stellte dies heraus und als hätte ich ihm die Jacke weggenommen, verkniff er sich und fand es doch etwas früh, über die Eltern zu sprechen. Ich wollte ihn ja auch nicht gleich zu Hause vorstellen.
Ich fand seine Reaktion etwas seltsam, und ließ daher ihn einfach mal reden. Er erzählte recht emotionslos von einer Asienreise, die er kürzlich unternommen hatte. Irgendwie kamen wir dann auf das Thema Depressionen und hierarchische Strukturen im Handwerk. Wir unterhielten uns angeregt und bemerkten eine ähnliche Einstellung, wenn es zur gesellschaftlichen Wahrnehmung des Handwerks kam. Ich fragte ihn eh sehr aus über seinen Beruf, ich fand es einfach spannend und vor allem anders.
Da er zu frieren begann, ja: er, kehrten wir dann doch ein und tranken abermals Bier. Ich hatte mir angewöhnt, mich für Dates zwar optisch zurecht zu machen, aber möglichst noch authentisch am Alltags-Ich zu bleiben.
Er nicht.
Hoffentlich.
Denn, er trug: eine Bluse.
Eine dieser sackartigen, samt-seidenen schwarzen Blusen, die man in erster Linie mit Künstlern wie Meat Loaf in Verbindung bringt. Die Bluse des Geistes war zwar sicherlich einige Größen kleiner, er war sehr schmal, doch schien sie nicht weniger exzentrisch an diesem sonst so bemüht-dezenten Mann. Zumindest hatte ich eher ein Bandshirt erwartet. Eher Grunge als Glam-Rock. Er hatte sich mit diverse Halskette geschmückt, wie man sie von EMP kennt und trug damit mehr Schmuck, als ich überhaupt besitze. Wir diskutierten und er bremste mich immer wieder aus, warf mir zu radikale Ansichten vor (was mich motivierte, noch provokanter zu argumentieren). Wir redeten über die selben Themen, aber rückblickend in unterschiedliche Richtungen und als würden wir einander gar nicht hören.
Als wären wir in unterschiedlichen schalldichten Räumen gewesen und hätten die jeweiligen Antworten immer nur geraten, statt sie zu verstehen.
Der Abend endete früh. Wir blieben auf der höflich-distanzierten Ebene, die er bemüht aufrechterhielt und ich bedankte mich brav für die gemeinsame Zeit.
Der Geist hatte sich selbst so sehr zurückgehalten, dass kein Profil entstand. Trotz interessanter Gesprächsthemen, trotz mehrerer Stunden Zeit, trotz Alkohol. Ein bisschen, wie eine schlechte Doku zu schauen: das Thema ist vermutlich interessant, aber die Informationen und Aufnahmen sind zu oberflächlich, zu angepasst, um emotional zu involvieren. Schon während der Verabschiedung vergass ich erste Dinge über ihn. Ein weiteres Treffen schien so abwegig, gerade zu unlogisch, dass ich gar nicht darüber nachdachte, dass er dies ja nun auch anders sehen könnte.
Er schickte mir eine mit dem Handy aufgenommene Audiodatei, die nur schwerlich als das Bass-Intro eines meiner erwähnten Lieblingslieder zu erkennen war. Er verhunzte es so sehr, es war geradezu beleidigend.
Er wollte sich also noch einmal mit mir treffen. Da ich möglichst fair mit meinen Mitmenschen umgehen möchte, schrieb ich ihm, dass ich leider nicht sehe, dass wir da selbe wollen und ich leider so gar kein Kribbeln hätte und nun ja, ich wollte ihn nicht wiedersehen.

Ich konnte mich kaum noch an ihn erinnern, er war einfach spurlos durch mich hindurchgehuscht.

Der Zauberer

Wir haben heute gefühlt 2 Millisekunden Zeit, jemanden von uns zu überzeugen. Viel länger dauert es nicht, ein Bild anzuschauen und sich zu entscheiden, zu welcher Seite man wischt. Lieber einmal zu viel gewischt, als aus versehen Kontakt aufzunehmen. So ist unsere Partnersuche heute gestrickt. Photoshop und krampfige Körperhaltungen.

Ich entschied mich gegen ein gestelltes Bild und für einen Fantasy-Dämon. Die inneren Werte zählen schließlich. Auch beim Online-Dating.

Wer aber ist mutig genug, sich darauf einzulassen?

Wie sich herausstellen sollte: Zauberer.

Der Erstkontakt im Chat verlief gut bis nerdig. Ein kurzer Austausch der Befindlichkeiten, ein kurzes Abchecken des Berufslebens, eine schnelle Entscheidung für ein Bier im Pub. Eine anschließende Diskussion über das Reisen zwischen Paralleluniversen sicherte einen gemeinsamen Grad an Individualität. Vielversprechend also, einen angenehmen Abend zu erleben.

Lief also.
Vor allem die Schweißperlen auf seiner Stirn, als er 5 Minuten zu spät mit dem Fahrrad vor dem Pub ankam.
Da er nicht wusste, wie ich aussehe (ein waschechtes semi-Blind-Date also) schlenderte ich auf ihn zu, um ihm Zeit zur Fahrradsicherung zu geben.
Er verbrachte unnatürlich lange mit seinem Fahrradschloß und ich konnte den ersten Blickkontakt und die sperrige Fahrrad-Schloss-Situation nicht mehr voneinander trennen.
Wie gern hätte ich ihm diesen Gefallen getan. Doch da lag der Schlüsselbund auch schon auf dem Boden – verlegene Blicke, seltsame Körperhaltungen (wie seltsam sich Körper um Fahrrad winden können…), und versucht-lässige Worte. Gefolgt von einem umständlichen Aufheben des Schlüssels.

Aus meiner anfänglichen, nervösen Aufregung wurde tiefe, fast schon meditative Ruhe.
Die Art von Ruhe, die man bekommt, wenn man in einer Prüfung sitzt und merkt, dass man es mehr drauf hat als der Prüfende (eine ewig-unerfüllte Traumvorstellung von mir).
Ich lehnte mich innerlich zurück. Atmete tief durch.
Welch Luxus, sich einfach mal fallen zu lassen, zu beobachten, ohne die eigene Wahrnehmung durch Adrenalin zu verfälschen. Herrlich.

Wir betraten den Pub nach einer schwitzigen Umarmung und einer halbherzigen Entschuldigung für sein Zuspätkommen. Na, immerhin hatte er es gemerkt.
Er zog unschlüssige Blicke durch den sehr leeren Raum, geradezu hilflos suchend nach einem Platz der passend war (es waren etwa 8 andere Menschen anwesend, inklusive Personal). Er dreht sich um, und bat mich, einen Platz zu wählen.
Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass an diesem Abend die Macht der Entscheidung auf diese Art auf mich übertragen wurde. Es fühlte sich so gar nicht nach einem gleichberechtigten, respektvollen Einbeziehen meiner Meinung an; es schwang eher eine subtile Hilflosigkeit mit. Meine offenbar verunsichernde Ruhe half ihm auch nicht gerade. Und ich sah wohl besser aus, als er erwartet hatte.
Ich entschied mich also für Tisch und Sitzplatz und wir bestellten unsere Biere, nachdem er unnatürlich lange in die Karte geschaut hatte. Verlegenheit. Panik. Ohnmacht. Alles war von seiner Seite ab hier möglich.

Gespannt beobachtete ich, wie er langsam runterkam und zu erzählen begann. Interessiert gab ich die gute Zuhörerin und wurde mit mittelmäßig Alltäglichkeiten belohnt. Nach etwa 5 Minuten engagiertem Monolog wurde mir klar, dass meine vornehme verbale Zurückhaltung anscheinend sehr motivierend wirkte.
Offenbar war ich nicht mehr ganz die unnahbare Eiskönigin für ihn, und war nun mit seiner sehr hohen Wortfrequenz in Schach zu halten. Und was ich nicht alles erfahren durfte in diesen ersten 90 Minuten Ansprache:
Kindheitserinnerungen, Familiendramen, Kollegenstories, das volle Programm. Inklusive Aussage wie: „Also mein Vater ist verstorben, das’ aber auch besser so. Mal ehrlich.“. Diese Aussage ist nicht nur ohne Kontext gruselig, sondern lässt auch rein mental tief blicken.
Ich bin kein Fan von Smalltalk, aber Seelenstriptease innerhalb der ersten 15 Minuten?
Nein, danke.
In einer Atempause, in der er sich einen Schluck Bier gönnte (kauen hielt ihn nicht vom Reden ab) ergriff ich die Gelegenheit und fragte ihn nach seinem ungewöhnlichen Vornamen. Ich erwartete eine umfangreiche, geradezu abenteuerliche Geschichte. Meine Vermutung war eine literarische oder historische Verbindung der Eltern nach Wales, zumindest eine Vorliebe für Geschichten, in denen walisische Zauberer vorkamen –
Nichts dergleichen. Seine Mutter hätte einfach den Namen gern gemocht. Er schien fast irritiert von meiner plötzlichen offensiven Kommunikation, die durch seine unspektakuläre Antwort jedoch schnell wieder auf ein Minimum reduziert wurde.
Während er also sprach und aß und trank, nippte ich an meinem Bier (ich hatte ja nichts zu tun, außer interessiert zu schauen, ermutigend zu nicken und wach zu bleiben).
Da ich nichts vertrage, hielt sich das alkoholische Ausmaß glücklicherweise in Grenzen. Zwei kleine Bier für mich, drei große für ihn und das Essen (ich esse nicht gern vor Menschen, die ich nicht kenne).

Endlich: Der große Moment kam.
Ich war so dankbar.
Die Servicekraft unseres Bereichs wollte abrechnen, ihre Kollegin würde gleich übernehmen. Der perfekte Moment, die Szene neu zu gestalten. Eine Möglichkeit für ihn zu Punkten und sich männlich zu fühlen; eine perfekte Möglichkeit für mich, wach zu werden, das Gespräch zu drehen, infinite Möglichkeiten.

Sie kam, sah und fragte ihn, explizit, durch Augenkontakt unverkennbar: ihn, die große Frage: „Geht das getrennt oder zusammen?“
Große Männer sind schon an dieser Frage gescheitert. FeministInnen sind sich uneins. Ganze Gesellschaften stehen im Clinch, wegen dieser einen Frage. Das Problem sind nicht die monetären Mittel (meistens). Das Problem ist die Message. Die soziale Kodierung der Handlung. Verbunden mit Konventionen und Erwartungen. Eine große Sache also.
Verlässlich, wie sich mein Gegenüber bisher gezeigt hat, löste sich sein Blick von der jungen Dame und wandte sich an mich: „Was meinst du denn?“. Die selten seltsamste Art mit dieser Situation umzugehen.
Konventionell hätte er gezahlt. Nicht nur wegen der ganzen gentleman-illusion, er hat auch mehr konsumiert. Seine Hälfte der Rechnung war deutlich höher. Seine Frage jedoch hat absolut ausgeschlossen, dass dies eine valide Option wäre. Es blieben mir nur zwei Optionen, ohne eine Szene zu machen. Getrennt zahlen, oder ich zahle alles. Zweiteres wäre seltsam gewesen, nicht, weil ich eine Frau bin, sondern weil mein Konsum geringer war. Getrennt also. Umständliches Herauspulen von Kleingeld seinerseits (ich möchte an dieser Stelle betonen, dass der Mann in Lohn und Brot stand. Es geht mir nicht darum, mein Bier nicht zu zahlen, mehr seine Art, die Situation zu handlen, war irritierend). Mein Trinkgeld war höher als seines. In absoluten Zahlen und Prozentual. Lächerlich.
Gefühlt fünf lange stille Minuten schwiegen wir uns an, dann, fragte er, ob wir Spazierengehen wollten. Naja, wenigstens frische Luft, und vielleicht würde sich durch das wechselnde Umfeld die Interviewsituation legen.
Nach umständlicher Debatte über die Fahrradmitnahme seinerseits (er hat es nicht mitgenommen) ging es Richtung Innenstadt und meinem Stadtteil. Angeschackelt wie ich war, hielt ich es für eine grandiose Idee, ihn zu meiner Begleitung nach Hause zu nötigen und ihn dann heimzuschicken. Zumindest in die Nähe meiner Wohnung, meine genaue Adresse wollte ich nicht offenbaren, er hat auch nicht gefragt.
Das Vibe-Level lag im absolut negativen Bereich, das Bier hatte nicht geholfen. Ich hielt einen grundsätzlichen Sicherheitsabstand von mindestens geschätzten 60 cm und hielt meine sehr warmen Hände in meinen Jackentaschen versteckt. Bloß kein Risiko eingehen. Mein betrunkener Kopf ist da manchmal sehr analytisch. An einem Punkt meinte mein Date jedoch, ungezwungen Körperkontakt aufbauen zu wollen. Welch naive Tat. Abgelenkt von mir selbst und den bunten Lichtern der Stadt rechnete ich nicht mit einer Berührung meiner Schulter, zuckte zusammen und machte einen Satz von ihm weg. Totaler Abstand nun etwa 1,20 m. Verlegene Blicke, kontinuierliches Monologisieren von ihm. Wir waren mittlerweile beim Inhalt seiner Diplomarbeit angelangt. Gute Güte, für sowas bekommt man also einen Abschluß. Er schien kein Ende zu nehmen. Ich döste im Gehen weiter vor mich hin und blieb schließlich an der Bahnstation stehen, die noch irgendwie sinnvoll nah an meinem Wohnhaus lag (etwa 15 Gehminuten).
Worte können nicht beschreiben, wie dankbar ich war, dass er den Wink verstand. Der Abschied verlief ähnlich umständlich, wie es mit der Begrüßung begonnen hatte. Ich drehte mich um, zog meine Kopfhörer aus der Tasche und Schritt gen Heimat. Kein Wort von ihm, ob ich es weit hätte, wo ich hinmüsste (wir waren an einem Ort, an dem eindeutig niemand wohnt), oder ein floskeliges ‚Komm gut heim.‘. Nichts dergleichen.
Ich war gar nicht da für ihn.
Er hatte mir exakt zwei Fragen gestellt im Laufe des Abends. Wo wir sitzen, und wer zahlt.
Abgesehen von seiner Hand an meiner Schulter hat mich dieser Mensch nicht berührt. Er schien nett, etwas unsicher und mit einem etwas seltsamen Humor. Aber grundsätzlich rechtschaffend gut.
Er wird sein Gegenstück finden, da bin ich sicher. Meine Ohren sind jedoch nicht belastbar genug.
Und auch, wenn er wohl begeistert war von meiner entspannten Art zuzuhören, so hat er mich doch leider so gar nicht verzaubert.